Barfußmix im Allgäuwinter

Nach dem Schnee ist vor dem Schnee. Stimmt immer, erst recht hier bei uns im Allgäu, wo wir in diesen Tagen zum ersten Mal seit Weihnachten wieder grüne Wiesen sehen. Anders als im letzten Jahr waren es diesmal wieder ganz ordentliche Schneemengen, Mitte Januar sogar mal insgesamt 120cm in drei Tagen. Die sackten zwar schnell auf die Hälfte zusammen, aber das Wandern wurde doch etwas mühsam…

Eva im Tiefschnee

Andernorts als Katastrophe einsortiert, ist im Allgäu soviel Schnee eher Normalität. “Früher war es vieeel mehr”, versichern mir die Hiesigen regelmäßig. Die anderswo gefürchteten Schneeverwehungen auf den Straßen sind selten, weil an den entsprechenden Stellen schon im Spätherbst Schneefangzäune aufgebaut werden. Ebenso wie lange Stecken, die den Räumfahrzeugen die Ränder der Straße anzeigen. Alles Routine.

Barfuß geht da natürlich nichts mehr, zumal die Minustemperaturen einige Zeit zweistellig waren. Skifahren ist wegen der geschlossenen Bergbahnen in diesem Winter auch nicht möglich, es sei denn, man geht auf Skitour, wofür uns aber Können und Ausrüstung fehlt. Aber wir haben den Zipflbob für uns entdeckt, auf dem Bild oben trägt Eva ihn auf dem Rücken (Wer es noch rasanter und komfortabler haben will, nimmt den Zipflracer). Mit dem machen wir unsere bis zu 6 km langen Rodelstrecken unsicher. Natürlich muss man die mangels Bergbahn vorher erst einmal hochlaufen, gut für die Fitness. Und selbstverständlich kommen dabei Minimalschuhe zum Einsatz, bei großer Kälte Bergschuhe. Barfußlaufen hat Grenzen… 😉

In den letzten zwei Wochen stiegen aber die Temperaturen massiv an und tagelanger Dauerregen tat sein Übriges. In den tieferen Lagen und auf den Südhängen der Berge schmolz der Schnee dahin. Und schon war wieder Barfußtime. Wir haben sie sofort genutzt.

Zum Beispiel bei einer kurzen Tour zu zwei Burgruinen, die ab dem 14. Jahrhundert auf einem Höhenzug in der Nähe unseres Zuhauses errichtet wurden. Burg Eisenberg und Hohenfreyberg heißen sie.

Auf dem schneefreien Südhang ging es stramm bergauf, querfeldein über die Weiden, die in dieser Jahreszeit betreten werden dürfen. Ab dem Frühjahr sehen es die Bauern nicht mehr so gerne, wenn Wanderscharen durch ihr Kuhfutter trampeln. Womöglich mit nicht angeleinten Hunden, die nach Belieben ihre groß- oder kleinformatigen Produktionsabfälle im Gras hinterlassen. Das macht es in einem weitem Kreis um diese Stellen für Rinder ungenießbar. Und mit dieser Zugabe gepresste Heuballen werden in großen Teilen unbrauchbar. Barfuß machen diese Hinterlassenschaften auch nicht unbedingt Freude. Eigentlich werden ja dafür spezielle Plastiktüten angeboten. Aber wir sehen es immer wieder: Viele Urlauber und sogar manche Einheimische scheinen in der Beziehung völlig ahnungslos zu sein. Oder einfach nur ignorant. Mit einer bestaunenswerten Mischform. Die wohlriechenden Bollen werden zwar in die Tüten gepackt, die Tüten dann aber an den nächsten Zaun gehängt. Blutdruckfördernd.

Zurück zur Tour, die Sonne strahlte endlich mal wieder vom Himmel, es war warm. Grund genug für Eva, den Göttern mit einer Yogaübung zu danken…

Yoga in der freien Natur

Aber wir sind im Allgäu, wo der Schnee hie und da lange liegen bleibt. Auf Nordhängen z.B., oder auf schattigen Wegpartien. Auch Schneeverwehungen brauchen lange, um vollständig abzutauen. Und natürlich brauchten wir nicht weit zu laufen, bis wir auf solche Wegstrecken stießen. Verharscht war es da und es gab lange Passagen, die mit vereisten Trittspuren übersät waren. Ein bunter Mix. Eine Weile ging es barfuß, aber dann wurde es zu unangenehm und glatt. Zeit für Evas Leguano und meine Mares. Wenn man Barfuß an Grenzen stößt… Auch das Routine im Allgäu.

Eva mit Leguano im vereisten Schnee
Eva mit Leguano im gefrorenen Schnee

Oben angekommen wird man vom Burgturm aus mit einem Panoramablick auf die nahen Berge und das Vorland belohnt. Gut zu sehen, dass der Schnee immer noch weit nach unten reicht und längere Touren im Gebirge noch nicht möglich sind. Damit muss man meist bis Mai warten.

Panorama Allgäuwinter

An einem anderen Tag stieg ich alleine hoch zu einer weiteren Burgruine. Burg Falkenstein heißt sie. Sie liegt 1277m hoch, ebenfalls auf einem Höhenrücken in unmittelbarer Nähe der Berge. Im Panorama oben ist der Höhenzug dunkel im linken Bildteil zu erkennen. Märchenkönig Ludwig II plante hier ein zweites Neuschwanstein, dessen erster opulenter Entwurf eines Bühnenbildmalers auf dem schmalen Berggrat niemals Platz gefunden hätte, es sein denn, man hätte den halben Berg abgetragen… Es kam eh nicht dazu.

Natürlich hatte ich mir wieder einen Aufstieg auf der Südseite ausgesucht. Und war nach einem kurzen Stück geschockt. Der Steig endete jäh und wurde von einer frisch angelegten Forstautobahn abgelöst. Der vorherige schmale Steig wurde an dieser Stelle für hunderte von Metern vollständig zerstört. Forstwirtschaft heute…

Waldpfald trifft Schotterpiste
Schotterweg im Wald

Interessant ist ein Detail: Den Splitt für die Forststraße musste man anscheinend nicht von weither antransportieren, den gibt es tatsächlich schon fertig vorbereitet unter einer dünnen Waldbodenschicht. Natursplitt sozusagen. Man kann sich vorstellen, wie schnell beschuhte Wanderer durch Abkürzen den Waldboden zerstören und der Erosion Vorschub leisten.

Natürlicher Splitt für Forststraßen

Irgendwann zweigt der alte Steig glücklicherweise wieder von dieser “Wanderidylle” ab und es geht wieder auf dem barfußfreundlichen Untergrund weiter. Es gibt zwar Steine, aber die haben abgerundete, verwitterte Kanten, ganz anders als die fürchterlichen gebrochenen Splittsteinchen aus Menschenhand, die man leider auf vielen Wegen findet.

Natürlich befanden sich auch auf diesem Steig wieder zahlreiche verharschte oder vereiste Schneereste. Zum Glück auf so kurzen Strecken, dass meine Mares im Rucksack bleiben konnten.

verharschte Wegstrecke
verharschter Waldpfad

Unterwegs kommt man an einer Lourdes-Grotte vorbei, hier in einer besonders eindrucksvollen Version.

Lourdes-Grotte unterhalb Burg Falkenstein

An der Burg Falkenstein angekommen, genoss ich wieder einmal den Panoramablick auf die Berge und die vielen Seen des Füssener Landes, den ich von dort schon so oft genießen konnte.

Breitenberg und Aggenstein

Ein Grund, aus dem Eva und ich hier öfter heraufkommen, ist ein Top-Restaurant. Das gönnen wir uns ab und zu, an besonderen Tagen. Rauf fahren wir dann mit dem Auto auf der anderen Seite des Falkensteins.

Hotel Burg Falkenstein mit Blick nach Füssen

Sollte der Corona-Spuk irgendwann mal enden, werden wir dort vielleicht auch mal wieder einkehren. Aber da sind wir noch lange nicht, steht zu befürchten. Bis dahin begnügen wir uns mit dem Jetzt und Hier.

Heute abend soll es wieder schneien….

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7 Gedanken zu „Barfußmix im Allgäuwinter“

  1. Hallo Wolfgang !

    Danke für den kurzweiligen Reisebericht.

    Mach grosse Lust, wieder ins Allgäu zu kommen !

    Hätte gar nicht gedacht dass es zwischenzeitlich bei Euch so grün wurde.

    Ich selbst habe die milden Tage auch für ausgiebiges Barfusslaufen genutzt.
    In unserer Ecke, im Neckartal, ist das aber weniger ungewöhnlich und war in den letzten Wintern auch schon häufiger möglich..

    Aber jetzt soll es ja auch hier wieder kalt werden..

    Gruss ins Allgäu

    Mathias

    Antworten
    • Hallo Mathias,
      als ich noch im milden Trier wohnte, konnte ich 99,9% der Zeit barfuß sein. Wenn ich mal Notschuhe brauchte, musste ich sie oft erst mal suchen… Hier bin ich immer froh, wenn der Schnee mal abtaut. Aber dafür gibt es andere Vorzüge… Freuen wir uns auf den Sommer!
      Gruß ins Neckartal,
      Wolfgang

      Antworten
      • Hallo Wolfgang,

        Wo Du Recht hast, hast Du Recht..

        War toll bei Euch im Allgäu letzten Sommer !
        Der nächste Sommer kommt bestimmt !

        Gruß

        Mathias

        Antworten
  2. Danke für eure informativen Newsletter! Wunderschöne Bilder. Abgesehen von diesem Jahr, wo es grad in Berlin tatsächlich mal einen Schneesturm gibt, sind die Winter in der Regel die kühlsten Sommer.
    Aber ich werde Anfang Dezember regelmäßig krank, was mich zwingt, Schuhe anzuziehen. Dieses Jahr holte mich das Virus.
    So bleibt es dabei, von Anfang bis Mitte März bis Anfang Dezember barfuß.
    Umso interessierter lese ich eure Newsletter.
    Bleibt gesund, passt gut auf euch auf!
    Liebe Grüße aus der Hauptstadt!

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  3. Danke für den herrlichen Bericht und die anschaulichen Bilder. Ich versuche selbst auch im Winter, barfuss zu sein, aber bei unseren momentanen -6° sind da doch Grenzen gesetzt.
    Grüsse aus Ostwestfalen vom
    Michael

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