Barfuß im Schnee mit Bergsicht

Barfuß im Schnee – kann richtig schön sein

Ich bin ja einer, der beim Barfußlaufen immer wieder vor einer Gefahr warnt: Barfußlaufen im Schnee. Ich hab mir dabei an den Zehen schon mehrmals Erfrierungen zweiten Grades zugezogen und weiß, dass die Heilung etwas länger dauert und die betroffenen Körperteile eine ganze Weile empfindlich bleiben. Da waren die Bedingungen allerdings nicht so günstig. Viel zu kalt, lockerer Pulverschnee, zu lange unterwegs.

Erfrierung an den Zehen mit abgelöster Haut
In meinem 1. Barfußwinter 2012/2013 zog ich mir an den Zehen deutliche Erfrierungen zu

Dennoch packt mich gerade wieder die Versuchung. Das Schneeteufelchen auf der linken Schulter brüllt mir seit Tagen mit einem Mega-Megaphon ins Ohr, dass es fürs Barfußlaufen im Schnee keinen besseren Moment gebe, als genau diesen jetzt. Temperaturen um die Null Grad und pralle Sonne. Dazu von vielen Wanderern flach getrampelter Schnee, der den Wärmeverlust über die Fußsohlen minimiert. “Das hast Du ja sogar in Deinen 5-Jahre-Barfußschmöker und Deinen Leitfaden geschrieben, dass es jetzt geht”, tönt es schrill in mein Ohr. “Schon vergessen? Worauf wartest Du denn noch?”

Das Engelchen auf der linken Schulter leistet nur geringe Gegenwehr, dreht nur besserwisserisch und etwas beleidigt den Kopf nach oben und bemerkt spitz: Der Herr Barfußexperte muss ja wissen, was er tut.”

“Ja, weiß ich auch”, sage ich laut, als ich von unserem verschneiten Haus barfuß losziehe.

Unser Haus mit schneegesäumtem Weg zur Alpe Beichelstein
Unser Haus mit schneegesäumtem Weg zur Alpe Beichelstein

Es geht erst einmal hinauf zur Alpe Beichelstein, etwa 70 Höhenmeter weiter oben. Eine schmale Asphaltstraße zieht dort hinauf, die im Sommer mit dem Auto reichlich von fußfaulen Touristen und ebenso fußkranken Einheimischen benutzt wird, um auf der Aussichtsterrasse ein Bier oder eine Schneemaß zu schlürfen. Es führen auch herrliche Wanderwege dahin, aber Auto ist Auto und Schnaps ist Schnaps.

Was eine Schneemaß ist? Ein besonders von der hiesigen Damenwelt geschätztes Kaltgetränk mit einem viertel Liter Doornkaat, Fanta und etlichen Kugeln Vanilleeis. Serviert wird das Ganze gut verquirlt im Maßkrug und einigen dicken Strohhalmen zum gemeinschaftlichen Trinkerlebnis, so wie man es von bestimmten Urlaubsinseln kennt.

Heute traut sich offenbar keiner mit dem Auto rauf, denn unterwegs lauert noch hin und wieder die eine oder andere Eisplatte. Wenn’s da nicht weitergeht, darf man rückwärts den ganzen Weg wieder runterfahren. Es ist aber auch zu albern. 10 Minuten sind es nur zu Fuß über das Sträßchen. 30 – 45 min über einen herrlichen Wanderweg. Aber was red ich, das ist die heutige Zeit. Dem Almwirt Bertl ist’s eh egal, Hauptsach die Leit lassn’s a Geald da.

Heute ist die Asphaltstraße jedenfalls genial. Autofrei und von der Sonne auf Kuscheltemperatur gebracht.

Schneegesäumte Asphaltstraße
Der schneefreie Asphalt ist von der Sonne leicht erwärmt und bietet ein tolles Barfußgefühl

Davon ahnen die Wanderer natürlich nichts, die mir mit weit aufgerissenen Augen entgegenkommen. “Ja frieren sie denn gar nicht?” Wie sagt Barfußautorin Sabrina Fox immer so schön: Die Augen sagen, es ist kalt, aber was wissen die schon, die sitzen warm eingepackt im Kopf. Genau so ist es. Aber glauben tut einem das so gut wie keiner. Meine Füße genießen jedenfalls ausgiebig den warmen Asphalt, meine Augen den Ausblick. Ideal um die Seele zu wärmen und die Wärmespeicher der Füße für den folgenden Marsch im Schnee zu füllen. Schon unterwegs und erst recht oben auf der Alm hat man einen unvergleichlichen Panoramablick auf die Alpen. Den Wetterstein mit der Zugspitze, die Ammergauer Alpen, die Lechtaler und die Allgäuer Alpen. Alle stehen sie, mit Schnee reichlich bedeckt, neben- und hintereinander gestaffelt da. Die Fernsicht ist klasse und man kann sein Glück kaum fassen. Mei, is des schee.

An der Alpe Beichelstein gehe ich erst mal vorbei, denn jetzt kommt er: der erste Wegteil mit Schnee. Ein toller Panoramaweg in praller Sonne.

Schneebedeckter Weg mit Alpe Beichelstein
Ein herrlicher, schneebedeckter Panoramaweg führt zur Alpe Beichelstein.

Auf den ersten Metern beißt der Schnee ein wenig in den Fußsohlen, aber der Schmerz hält sich sehr in Grenzen, genau wie erwartet. So muss das sein. Alles andere wäre bereits der erste energische Fingerzeig, den Blödsinn lieber zu lassen. Die Zehenoberseiten verfärben sich knallrot und zeugen von der prächtigen Durchblutung.

Unterwegs auf Schnee mit roten Zehen
Die roten Zehen signalisieren, dass die Fußheizung auf Hochtouren läuft.

Aaaber, darauf kommt es ja gar nicht an. Die Zehenunterseite, die ist wichtig. Die darf nicht weiß werden. Denn dann hat die Regelungszentrale im Gehirn den feinen Blutkapillaren der Lederhaut den Saft und damit auch die Heizung abgedreht. Bauernopfer im Interesse des restlichen Körpers, vor allem der Körpermitte, wo die lebenswichtigen Organe sitzen. Die müssen unter allen Umständen warm gehalten werden, wie auch in unserem Winter-Tipp nachzulesen ist.

Aber ich habe vorgesorgt und mich trotz Sonne warm eingepackt, fast ein bisschen zu viel. Auf dem Weg zur Alpe bin ich ein wenig ins Schwitzen gekommen. Aber dies ist grad gut. Denn dann muss der Körper die überschüssige Wärme loswerden, z.B. über die Füße. So wird ein Schuh draus. Na ja, net direkt, ihr versteht’s scho.

Zur Sicherheit hab ich die Skinners dabei. Die kann man prima gerollt in der Anoraktasche mitnehmen.

Skinners auf Schnee
Für den Notfall habe ich die Skinners, minimale Barfußschuhe, in den Taschen meines Anoraks

Eine neue Gefahr gibt’s jetzt: die nicht fußlahmen Wanderer, die einem begegnen und endgültig nicht mehr aus dem Staunen herauskommen und eine Menge Respekt äußern. “Ja geht denn das?” und ähnliches gibt es jetzt zu hören. “Klar geht das”, antworte ich strahlend, “Heute sogar ganz wunderbar, bei dem Wetter. Aber stehen bleiben mag ich jetzt lieber nicht, damit die Muskeln weiter Arbeit haben und Wärme abgegeben, Sie verstehen?” Klar verstehen das die Leute und gehen, schon etwas sachverständiger, weiter ihres Weges.

Nach ein paar hundert Metern bekommen die Füße sowieso wieder ein wenig Entlastung. Es gibt ein freigeapertes, kurzes Asphaltstück, wo ich mir die Füße wieder etwas aufwärmen kann, bevor das nächste, wesentlich längere schneebedeckte Wegstück zu bewältigen ist. Ich pfusche sozusagen ein wenig am Barfußheldentum herum. Aber, Leute, aus dem Alter bin ich raus, dass ich anderen fast zwanghaft vorführen muss, was für ein toller Typ ich bin. Die Gesundheit meiner Fußsohlen geht vor.

Fußspuren auf Asphalt
Ich hinterlasse lustige Fußabdrücke auf dem Asphalt

Als ich wieder auf dem Schnee angelangt bin, checke ich weiter regelmäßig, ob die Fußunterseite noch rotes Licht gibt, was natürlich in Wirklichkeit grün bedeutet. Alles klar? Die Barfußampel hat ja andere Farben. Rot = freie Fahrt; Weiß = Halt, nicht weiter; Schwarz = Tja, das war wohl nichts; Und durchsichtig = Zeh ist ab, sorry… Erfrierungen deuten sich auch dadurch an, dass sich das Laufen so anfühlt, als sei man auf einer dämpfenden Filzunterlage unterwegs. Die Kältesensoren haben dann ihre Arbeit endgültig eingestellt und melden nur noch ein tumbes Wohlgefühl. Höchste Eisenbahn, jetzt die Schuhe anzuziehen.

Aber heute ist alles weiter bestens.

Die Zehenunterseite ist schön rot und gut durchblutet
Meine Füße sind oben wie unten gut durchblutet. Es droht keine Erfrierung

Das zweite Schneestück ist sehr viel länger als das erste, es geht bis zum Weiler Goimenen, etwa anderthalb Kilometer von der Alpe entfernt. Hie und da steht auch eine Bank, auf der man ausruhen, die Landschaft genießen und die Zehen aufwärmen kann.

hochgelegte Füße vor einer verschneiten Kulisse
Ein kleines Päuschen auf einer Bank mit grandioser Aussicht auf die Winterlandschaft

Ich könnte jetzt immer weiter laufen, bis zum Wanderparkplatz der Alpe, und von dort über die langweilige Asphaltstraße nach Hause. Aber der Untergrund ist plötzlich vereist. Ab Goimenen wird der Schnee oft geräumt, das Ergebnis ist eine unangenehme Schlittschuhstrecke. Entsprechend unangenehm zu laufen und wegen des viel höheren Wärmeübergangs wirklich kalt und gefährlich für Zehen und Fußsohle.

Weiler Goimenen mit vereistem Weg
Der Weg von der Alpe nach Goimenen ist vereist. Nicht so gut für die Fußsohlen und so kehre ich um
vereister Weg
Der Weg von Goimenen hinunter ins Tal ist vereist und barfuß nicht mehr passierbar

Darauf habe ich keine Lust und spare mir deshalb das zweite Wegstück, das ohne Bergsicht durch Wald und Wiesen verläuft. Ich drehe um und bleibe auf der Höhe mit der fantastischen Sicht.

Blick auf die verschneiten Berge

Als ich wieder an der Alpe ankomme, bin ich über zweieinhalb Kilometer weit auf Schnee gelaufen, habe viele Leute getroffen und sie schwer damit beeindruckt, was unsere Füße zu leisten imstande sind. Vor allem aber bin ich froh, dass meine Fußsohlen keinen Mucks von sich gegeben haben und bestens intakt sind. Als ich auf einen Drink (nein, keine Schneemaß!) in die Hütte einkehre, bleibt auch der für Erfrierungen typische Erwärmungsschmerz aus. Alles bestens, so muss es sein, so macht das Barfußlaufen im Schnee Spaß.

Der Almwirt Bertl und sein Kollege Tobi sagen schon lang nix mehr, wenn sie mich so sehen. “Du bist scho a Wilder”, bekomm ich höchstens zu hören.

Und das ist schon fast ein dickes Lob, denn wie sagt man im Allgäu:

It g’schumpfe isch gnua globet! (Nicht geschimpft ist genug gelobt)

 


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8 Gedanken zu „Barfuß im Schnee – kann richtig schön sein

  • 11. Februar 2019 um 06:43
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    Hallo lieber Wolfgang 😉
    ein toller Bericht,
    Hach ja, diese wunderschöne Landschaft, einfach traumhaft schön.
    Ich muss noch oft an unsere letzte Wanderung mit der traumhaften Aussicht denken, das war der Hammer gewesen.

    Naja, der nächste Urlaub dauert noch etwas, aber Vorfreude ist auch was sehr schönes.

    Werde für Evas Garten ein paar Pflänzchen mitbringen 😉

    Du bist schon ein Urtyp, bei der Kälte Barfuß auf die Alpe, für mich wäre das nichts, aber ich bewundere jeden, der dies tut und kann.

    Liebe Grüße Euer Freund Clausi 🙂

    Das Schneemaß hört sich ja sehr lecker an 😉

    Antwort
    • 11. Februar 2019 um 09:42
      Permalink

      Hallo Clausi,
      ich durfte so eine Schneemaß schon mal im Becher auf dem Weihnachtsmarkt probieren. Gottlob war es nur ein Becher… 😉
      Ich bin dann doch eher der Glühweintyp…
      Liebe Grüße,
      Wolfgang

      Antwort
  • 10. Februar 2019 um 15:48
    Permalink

    Hallo,Wolfgang,
    wieder ein toller Bericht und sensationelle Bilder, die Lust darauf machen, es Dir nachzutun. Hier im Norden gibt´s ja nicht so häufig Schnee, ich bin aber bald für einige tage am Wilden kaiser, da hoffe ich auf gelegenheiten zu Schneewanderungen barfuss.
    Macht weiter so mit dem blog !
    Viele Grüsse vom
    Michael !
    P.S. bist Du sicher, dass für die Schneemass Doornkaat verwendet wird ? Das ist doch der Schnaps des Nordens !
    LG !

    Antwort
    • 10. Februar 2019 um 18:36
      Permalink

      Hallo Michael,
      danke für die Blumen! Und ja, bei uns auf der Alpe wird Doornkaat für die Schneemaß verwendet. Man kann aber auch einen anderen Korn nehmen.
      Viel Spaß am Wilden Kaiser!
      Viele Grüße,
      Wolfgang

      Antwort
  • 10. Februar 2019 um 12:21
    Permalink

    Hallo Wolfgang …!
    Es freut mich immer …wenn ich deine Erfahrungsberichte über das Barfus gehen lesen kann……leider gibt es bei uns im Ort keine Gelegenheit sich irgendwie an einer Gruppe zu schließen die Barfuß geh’n….Deshalb würde es mich interressieren mich mal bei dir und der Eva für eine Wanderung mit anzuschließen …! Ich lauf jetzt fast 3 Jahre Barfuß und im Winter versuch ich bis an meinen Grenzen draußen zu geh’n …! Hab immer meine Leguanos für den Notfall dabei… ! Falls ihr vielleicht jemand kennt aus meiner Umgebund der auch Intereese hat ( ich bin aus Beigien …St,Vith …Burg- Reuland …und Malmedy ) Aachen und Trier sind 1 Stunde von mir..! Würde mich freuen wenn ihr mir weiter helfen könnt ..! Dieses Jahr mach ich noch ne Wanderung in den Algaven …aber ich bin die einzige Barfusläuferin…das ist nicht so interessant ..deshalb wollte ich gern nächstes Jahr an einer Barfusgruppe anschließen würde mich freu’n …wenn ihr mir weiterhelfen könnt. … lg Bernadette aus Belgien

    Antwort
    • 10. Februar 2019 um 13:07
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      Hallo Bernadette,
      Eva und ich würden uns freuen, mit Dir die eine oder andere Wanderung zu machen. Nur wohnen wir halt nicht “um die Ecke”.
      Wir haben aber einen sehr netten Barfußfreund, der in Luxemburg lebt. Vielleicht ist er an gemeinsamen Wanderungen mit Dir interessiert. Ich frag ihn mal.
      Außerdem gibt es die Möglichkeit, sich einem Barfußforum anzuschließen. Es gibt da z.B. ein Forum für Belgien und Frankreich, das früher auch Treffs in Lüttich veranstaltet hat. Hier der link. Außerdem gibt es zwei deutsche Barfußforen. Die meisten Mitglieder hat das hier. Dort werden ebenfalls hin und wieder Barfußtreffs angeboten. Ein noch aktives Mitglied (“Sascha (EU)”) wohnt in Euskirchen und wandert sehr gerne in der Eifel. Einfach mal reinschnuppern.
      LG aus dem Allgäu, Wolfgang

      Antwort
  • 10. Februar 2019 um 11:42
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    Danke für diesen bericht, sieht nach einer tollen wanderung aus!
    Die “leichten abpellungen” an den zehenspitzen kenne ich; zum glück nicht schmerzhaft, bedeutet aber, so etwas nicht allzu oft machen zu können, denn die haut muss erst mal wieder nachwachsen ….
    Solche spaziergänge schärfen auch das gespür für schnee. Es gibt neuschnee, altschnee, weichen oder harten schnee, feinen oder groben, nassen oder trockenen. Nach ein paar antau-überfrier-zyklen kann der bruchharsch schon nach wenigen tagen messerscharf werden. Oder der schnee ist tragfähig, etwas nachgiebig, ein genuss. Ich bin auf ehemals weichem, dann wieder gefrorenem schnee gegangen, der von der konsistenz an schotterstraßen herankommt, nur kälter. Und dann wieder den wahren genuss-schnee, wie eislutschen mit den füßen ….
    Sobald die lufttemperatur über 5°C ist und die sonne scheint, hält mich nichts mehr.

    Antwort
    • 10. Februar 2019 um 12:47
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      Ja, im Moment ist die Gegend hier ein Wintertraum.
      Wenn die Sonne scheint und die Temperaturen über 5°C liegen, schmilzt der Schnee leider schon, was bedeutet, dass er wieder eiskalt wirkt. Heute ist so ein Tag. Wir waren gerade unterwegs und haben leider sehr viele vereiste Stellen vorgefunden.
      Ich finde Temperaturen knapp über oder unter dem Gefrierpunkt mit noch nicht angetautem Schnee deshalb günstiger.

      Antwort

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