alte Frau auf Bank vor See

Hätte ich doch…

“Hätte ich doch”… Das sind vielleicht die drei häufigsten Worte, die alte Menschen sagen, wenn sie auf ihr Leben zurückblicken.

Kennst Du das? Man arbeitet immer mehr, um sich immer mehr leisten zu können, was man eigentlich gar nicht braucht. Man versucht, die Erwartungen von anderen zu erfüllen, statt das eigene Wohlbefinden in den Vordergrund zu stellen. Man ärgert sich zu oft über unwesentliche Dinge, statt nur über die wirklich wichtigen. Man ist selten richtig glücklich, vielleicht sogar chronisch unglücklich. Und wenn man Pech hat, wird einem das erst am Lebensabend bewusst. Hätte ich doch… Mich selbst musste erst eine schwere Erkrankung erwischen, bis ich das kapiert habe. Spät, aber nicht zu spät. Ich begann das Barfußlaufen, ging in den Frühruhestand, ordnete mein Privatleben neu, warf Ballast ab und zog in das Allgäu. Neues Spiel, neues Glück.

Vor kurzem stieß ich auf die Lebensbilanz einer 85-jährigen Frau. Der Text ist mir schon öfter begegnet. Er drückt all das aus, was mich seit einigen Jahren ebenfalls bewegt und ist vielleicht auch für Dich interessant. Er ist unten angehängt.

Das Barfußlaufen kommt darin auch vor, als eine Facette von vielen, die dazu beitragen, unser Leben ganzheitlich anders auszurichten, unnötigen Ballast abzuwerfen und das Wesentliche in den Vordergrund zu stellen.

Vielleicht kennst Du den Text ja schon. Seit ich ihm das erste Mal begegnet bin, versuche ich, ihn mir immer wieder als eine Art Richtschnur in Erinnerung zu rufen. Denn oft, zu oft, falle auch ich in alte Denkgewohnheiten zurück. Selbst das Barfußlaufen, das doch eigentlich als eine Befreiung erlebt werden sollte, kann in eine Falle einmünden, in der wir wieder von fremden Ansichten und Erwartungen gesteuert werden.

Es geht um unser eigenes Wohlbefinden.

Was denkst Du dazu?

Lebensbilanz einer 85-jährigen Frau

“Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen. Ich würde mich entspannen. Ich würde bis zum Äußersten gehen. Ich würde alberner sein als bei diesem Trip. Ich weiß einige Dinge, die ich ernster nehmen würde. Ich würde verrückter sein. Ich würde weniger hygienisch sein. Ich würde mehr Chancen wahrnehmen. Ich würde mehr unternehmen, ich würde mehr Berge besteigen, in mehr Flüssen schwimmen und mehr Sonnenuntergänge beobachten. Ich würde mehr Eis und weniger Spinat essen. Ich würde mehr aktuelle Probleme und weniger eingebildete haben. Das Leben ist mit einer Reise zu vergleichen. Ich habe meine Lebensreise immer mit zu viel und zu schwerem Gepäck unternommen.

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich im Frühling früher anfangen, barfuß zu laufen, und im Herbst später damit aufhören. Ich würde öfter die Schule schwänzen. Ich würde gute Noten nur aus Versehen schreiben. Ich würde öfter Karussell fahren. Ich würde mehr Gänseblümchen pflücken. Wenn du dich andauernd nur schindest, vergisst du sehr bald, dass es so wunderbare Dinge gibt wie zum Beispiel einen Bach, der Geschichten erzählt, und einen Vogel, der singt.”

Quelle: Kaiser, H.J. (1994). Selbstreflektierendes Denken als Element klugen Handelns. Ein Beitrag zur Frage der Weisheit des Alters. Report Psychologie, 19 (10), 24-28

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8 Gedanken zu „Hätte ich doch…

  • 22. Juli 2019 um 11:11
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    Hallo Wolfgang,
    naja. Hätt ich doch. Jammerjammerjammer… ist es nicht die eigene Einstellung zum Leben ob ich da mit 85 oder wie alt auch immer beginne zu jammern und verpassten Gelegenheiten nachzutrauern?
    “mehr Eis als Gemüse” – ja gut, aber wieviel mehr? Mitte 20 Diabetes II zu haben ist NICHT lustig. Ich seh es grade live im Verwandtenkreis wohin es geht wenn “mehr Eis als Gemüse” die Lebensmaxime st. Alles eine Frage von Maß und Ziel.
    “Frühruhestand” – ich trete in 11 Monaten meine Alterspension (65) an, werde aber weiter arbeiten weil mir meine Tätigkeit Spaß macht, der Kontakt mit Menschen mir viel bedeutet und ich auch nicht nur von der Pensionsleistung meiner Kasse abhängig sein möchte … solange es die geistige und körperliche Fitness erlaubt.

    “barfußlaufen” – tu ich bewußt hard-core seit etwa 6 Jahren, anfänglich ärgerte es mich daß ich das nicht schon viel früher getan hab aber da hätte ich vermutlich meine jetzige Frau nicht kennengelernt (die hätte sich mit so einem Verrückten niemals näher eingelassen) und diese wunderbare nun 40 Jahre dauernde Beziehung wollte ich nicht missen!

    Alle Dinge, die Scheiße ausgegangen sind in meinem Leben achte ich als Bausteine, ohne die manches anders verlaufen wäre – man lernt aus solchen Dingen – aber wie soll ich wissen wie es ohne dieses Hinfallen gewesen wäre? Hättehättefahrradkette. So wie es war – ist es jetzt gut.

    “Non, je ne regrette rien” – ist mein Lebensmotto. Und ich esse sicher mehr Spinat (mit Freude, wenn selbiger gut zubereitet ist mit Spiegelei z.B. …) bzw. Gemüse wie Eiscreme und Kirschtorte etc (umso größer ist dann der Genuß).

    Lebensfrohe Grüße eines nicht jammernden 65jährigen
    Wolfgang
    😉

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    • 22. Juli 2019 um 21:12
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      Hallo Wolfgang,
      klar ist es eine Frage der Lebenseinstellung. Und prima, dass bei Dir alles paletti ist. Bei manchen fällt der Groschen halt etwas spät, zuweilen eben zu spät. Bei mir musste mein Körper erst eine große Glocke läuten… Aber ich bedauere ganz sicher auch nicht alles, was sich in meinem Leben bis dahin zugetragen hat. Da war vieles sehr in Ordnung…
      Viele Grüße,
      Wolfgang

      Antwort
  • 27. Juli 2019 um 14:08
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    Hallo Wolfgang,

    ich habe dein Buch gelesen und finde es Toll, was du machst. Ich bin selbst am Anfang meiner Barfußkarriere und traue mich noch nicht so ganz überall Barfuß zu Laufen. Du schreibst ja auch, dass es bei dir nicht gleich beim ersten Mal geklappt hat ;-). Ich merke aber, dass mir das Barfußlaufen gut tut und ich vor Allem den Fokus auf das hier und jetzt richten kann. Man fühlt sich doch wie ein Alien und ich habe Angst vor den Blicken der Anderen. Ich habe schon mehrfach versucht das Barfußlaufen zu “starten”, habe es aber jedes Mal abgebrochen, weil ich es nicht so gut in den Alltag integrieren konnte. Ich möchte aber keine Schuhe mehr tragen, da ich auch unter Schweißfüßen leide und meine Fußhaut zwischen den Zehen sehr mitgenommen ist (vor Allem durch das ständige schwitzen wird sie rissig). Nun ja ich habe jetzt einen neuen Versuch gestartet. Ich habe außerdem parallel einen Blog aufgesetzt und hoffe so, dass ich durch das Aufschreiben, vielleicht mehr dran bleibe – mal schauen ;-).

    Zu dem Text der alten Frau kann ich nur sagen: “Sie hat vollkommen Recht!”. Das Leben kann mit unter sehr kurz sein und man sollte wirklich jeden Tag davon auskosten. Aber das geht natürlich nicht so einfach. Es ist alles immer leichter gesagt als getan, aber so wie du schreibst, weiß man das Leben viel mehr zu schätzen, wenn man einmal in eine Phase gekommen ist, die lebensbedrohlich war. Bei mir war es genauso. Ich war zwar nicht lebensbedrohlich krank, aber ich hatte schon sehr schwer zu kämpfen mit dem Leben. Man denkt über alles nach – auch was man bisher so gemacht hat und ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich so nicht glücklich bin (vor Allem beruflich). Und ich möchte nicht wie die alte Frau mit 85 sagen: “Hättest du doch mal das und jenes gemacht.”. Natürlich kann man nicht alles umsetzen was man sich so vornimmt, aber ich denke das meiste macht man einfach nicht, weil man Angst davor hat, gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden. Aber die andere Seite ist doch, wer ist denn von der Gesellschaft für einen da, wenn es mal schlecht läuft. Sicher nicht die Arbeitskollegen, oder der oberflächliche Freundeskreis.

    Ich wünsche Dir weiterhin alles Gute und mach weiter so! 🙂

    Viele Grüße,
    Thomas

    Antwort
    • 27. Juli 2019 um 14:51
      Permalink

      Hallo Thomas,

      danke für Deinen tollen Kommentar. Ich drück Dir alle verfügbaren Daumen, dass der Einstieg in die Barfußwelt diesmal gelingt. Du weißt ja: die Leute denken sich meistens ganz was anders, als man selber meint, und oft denken sie einfach gar nichts… Ich habe in meinen inzwischen 7 Barfußjahren noch nie einen bösen Kommentar zu hören bekommen, dafür aber eine Menge, die mich um mehrere Zentimeter wachsen ließen…

      Ist Dein Blog schon online?

      Weiter viel Spaß,

      Wolfgang

      Antwort
      • 28. Juli 2019 um 10:46
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        Hallo Wolfgang,

        ich danke dir. Ja das stimmt, aber dieses komische Gefühl bekommt man trotzdem nicht so schnell weg. Es ist für mich jedes Mal wie eine sehr große Herausforderung. Komischerweise habe ich das Gefühl überhaupt nicht, wenn ich meine Minimalschuhe trage, obwohl da jetzt auch nicht viel Stoff dran ist.

        Mein Blog ist schon online. Ich bin aber gerade noch am Anfang und das ist auch gleichzeitig mein erster Blog. Bin mal gespannt was da so alles noch kommt.

        Vielleicht ergibt sich ja mal die Möglichkeit, mit Euch barfuß zu wandern. Ich wohne nicht weit weg von Füssen.

        Viele Grüße,
        Thomas

        PS: Mein Blog ist erreichbar unter: https://thomasoppel.com/.

        Antwort
        • 28. Juli 2019 um 14:59
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          Hallo Thomas,

          in der Freizeit entspricht Du im Sommer schon dann den Konventionen, wenn Du nur eine minimale Sohle zwischen Untergrund und Fuß bringst. Schon ein Witz, aber so ist es.

          Am Anfang ist das “komische Gefühl” ganz normal. Ich habe ja im Winterhalbjahr begonnen, da war das noch intensiver. Jetzt im Sommer ist es einfacher, da sind alle auch an den Füßen leicht bekleidet.

          Würde uns wirklich freuen, mit Dir zu wandern. Du wohnst ja wirklich nicht weit weg.

          Danke für die Blogadresse!

          Viele Grüße,
          Wolfgang

          Antwort
          • 28. Juli 2019 um 21:51
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            Hallo Wolfgang,

            ja genau, das stimmt. Ist wirklich komisch, da man auch nicht wirklich viel zwischen Fuß und Boden hat, aber es ist immer noch mehr als komplett barfuß. Aber man sieht generell weniger Stoff im Sommer das stimmt schon. Viele Frauen tragen auch nur ganz dünne Sandalen oder Flip Flops. Da sieht man auch sehr viel Fuß ;-). Männer tragen dagegen meist auch immer Hochsommer dicke Sneaker. Aber da denken Männer wohl eher praktisch, Hauptsache es ist was am Fuß ;-). Ich habe im Sommer sonst auch immer Flip Flops getragen. Ich mag es nicht wenn der Fuß extrem schwitzt in Socken. Selbst wenn es nur Sneakersocken sind. Ich werde versuchen mich jetzt auf meine Minimalschuhe und “ganz ohne” zu beschränken. Immer traue ich mich noch nicht barfuß zu laufen. In den Minimalschuhen schwitzt man leider auch sehr.

            Ja das wäre wirklich schön. Ich weiß nicht, ob ich da wirklich mithalten kann, weil meine Füße noch nicht ganz so robust sind, aber ansonsten nehme ich halt Schuhe mit.

            Viele Grüße,
            Thomas

          • 29. Juli 2019 um 08:37
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            Hallo Thomas,

            mach Dir mit dem “Mithalten” mal keine Sorgen. Wir haben hier ein paar wunderbare Barfußstrecken. Ansonsten halten wir es wie Du. Minimalschuhe sind zuweilen Gold wert…

            Viele Grüße,
            Wolfgang

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