Schotterwahnsinn oder Notbremse? Ein Fallbeispiel.

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Der Schotterteufel hat wieder zugeschlagen

„Ja Teufel auch, jetzt schläg’s dreizehn“ schimpfe ich wild drauflos, als ich auf einer meiner Lieblingsbarfußtouren eine Katastrophe entdecke: Statt eines wunderbar grasigen Wiesenweges erstreckt sich da jetzt über fast 300 Meter ein brandneuer Schotterweg. Barfuß natürlich ein Graus. Für Schuhträger aber offenbar auch. Da haben sich Einige bereits eine neue Bahn im Gras nebenan gesucht.

Der Autor steht auf dem geschotterten Wiesenweg

Die Rede ist von der hier schon beschriebenen und bei Wanderern sehr beliebten Voralpentour durch die Feuersteinschlucht auf den Auerberg bei Bernbeuren. Sie ist schon im Barfußwanderführer von Eduard und Sigrid Soeffker beschrieben und bietet Barfußvergnügen vom Feinsten. Ist da jetzt alles kaputt geschottert? Ich bekomme es mit der Angst zu tun. „Die werden doch nicht auch noch die Feuersteinschlucht mit dem Zeugs verunstaltet haben?“, frage ich mich. Besorgt laufe ich weiter und stelle fest: die Schlucht und den gesamten weiteren Weg hinauf zum aussichtsreichen Auerberg haben sie in Ruhe gelassen.

Die Schotterung endet beim Beginn der Feuersteinschlucht

Ich atme auf und bin trotzdem verärgert. Greift der so empfundene Schotterwahnsinn, den man schon andernorts beklagen muss, jetzt auch hier um sich? Ist da mit Schlimmerem zu rechnen?

Interessenkonflikt

Das will ich dann doch genauer wissen.

Ich telefoniere mit einem, der es wissen muss, mit Martin Hinterbrandtner, dem 1. Bürgermeister der Verbandsgemeinde Bernbeuren. Der erweist sich als ein sehr aufgeschlossener und freundlicher Zeitgenosse und erklärt mir geduldig in einem interessanten ausführlichen Gespräch die Hintergründe des neu geschotterten Wegabschnitts. Das Thema brennt ihm offenbar auch auf den Nägeln.

Die Wiese, über die der Pfad führt, gehört nicht der Gemeinde, sondern einem privaten Grundstückseigentümer. Und der hat jetzt schlicht und einfach die Geduld mit den Wanderern verloren. So eine Wiese ist ja eigentlich kein endlos breiter Wanderweg, sondern Futter für Rinder, Ziegen usw. Das machen sich die Städter, die im Allgäu Urlaub machen, aber offenbar nicht klar. Oder sie wissen es erst gar nicht. Milch kauft man im Geschäft, so wie der Strom aus der Steckdose kommt. Und so trampeln die Urlauber teilweise in breiter Formation durchs Gras und machen es unbrauchbar. So auch hier auf dem Wiesenweg zur Feuersteinschlucht. Der Eigentümer wollte das verständlicherweise nicht länger hinnehmen und verlangte von der Gemeinde eine Lösung. Die griff daraufhin zur Schotterung, die jetzt klar den Weg bezeichnet. Wenn die Leute nun weiter unvernünftig sind, wird es wohl früher oder später einen Zaun zusätzlich zur Schotterung geben müssen.

Das erste Wegstück verläuft aber immer noch über Gras, da sei der Eigentümer etwas anders eingestellt, erklärt mir der Bürgermeister auf meine Nachfrage.

Fragt sich, wie lange das so bleibt. Das nachstehende Foto zeigt deutlich, was sich die Wanderer da herausnehmen…

Noch ungeschotterter Wiesenweg

Laut Martin Hinterbrandtner verschärft sich das Problem bei schlechtem Wetter und Nässe. Da werde der Weg dann immer breiter. Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Wanderer können wahrscheinlich einen breiten Wiesenstreifen in eine dauerhaft geschädigte Matschwüste verwandeln. Das weiß jeder, der schon mal auf einem verregneten Open-air Festival war.

„Heutzutage ist kaum noch ein Grundstückseigentümer bereit, das Wegerecht für einen Wanderweg einzuräumen“, bedauert der Bürgermeister die Situation.

Kostenfaktor

Ein anderes Problem komme dazu, erklärt er mir: Bisher gab es eine ausreichende Zahl von ehrenamtlichen Helfern, die die Wanderwege der Gemeinde in Schuss gehalten haben. Diese Hilfsbereitschaft hat leider abgenommen, dafür ist das Konsumdenken gewachsen. Als Konsequenz ist es jetzt der Bauhof der Gemeinde, der hier mehr und mehr Arbeit investieren muss. Und da die Ressourcen beschränkt sind, sucht man nach Möglichkeiten, den Aufwand möglichst klein zu halten. Und so wird dann aus einem pflegeintensiven Wiesen- oder Erdpfad zuweilen eine stabile und pflegeleichte Schotterpiste. Finanzielle Konsequenzen hat der Mangel an ehrenamtlichen Helfern natürlich auch. Die Gemeinde musste deshalb die bisher freiwilligen Abgaben in eine Verpflichtung zur Zahlung von Kurtaxe umwandeln.

Martin Hinterbrandtner versteht meine Enttäuschung, dass hier wieder ein Stück tollen Barfußweges dem Schotter zum Opfer gefallen ist. Aber die Barfußfreunde sind im Hintertreffen. „Die Feuersteinschlucht selbst bleibt aber bis auf einige wenige kritische Stellen unangetastet“, verspricht mir der Bürgermeister.

Schlechte Karten für Barfußfreunde

Heutzutage prallen viele Urlaubsansprüche aufeinander, erklärt er mir. Viele Mountainbiker rasen z.B. gerne ziemlich rücksichtslos über den Singletrail durch die Feuersteinschlucht. Wanderer können sich dann teilweise nur noch mit einem Sprung ins Unterholz retten, was ihnen natürlich überhaupt nicht gefällt. Die Gemeinde musste sich entscheiden und hat ein Verbotsschild für Mountainbiker aufgestellt. „Ohne Spezialisierung geht es heute nicht mehr“, bedauert der Bürgermeister. Da haben die zahlenmäßig begrenzten Barfußfreunde leider ganz schlechte Karten

Ich bin im Laufe des Gesprächs nachdenklich geworden und verstehe nun etwas besser, wieso auch im Allgäu immer mehr natürliche Wanderpfade geschottert werden. Wären Menschen verständiger, rücksichtsvoller und einsichtiger, könnte man sich wahrscheinlich einige der Maßnahmen sparen.

Im Allgäu boomt der Tourismus seit Jahren. Besser wird es also nicht…

 

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Aktualisiert von Wolfgang Hilden am 21. August 2018
Barfuss-Alltag, Wandern , 10 Kommentare

10 Gedanken zu „Schotterwahnsinn oder Notbremse? Ein Fallbeispiel.

  • 21. August 2018 um 08:54
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    Interessant, auch mal die andere Seite zu hören. Leider werden wir Barfüßer gerade durch die Schotterung verleitet, auf die Viehweide auszuweichen…

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    • 21. August 2018 um 09:13
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      So ist es leider. Mir wäre es lieber gewesen, man hätte eine Litze gespannt…

      Antwort
  • 21. August 2018 um 09:52
    Permalink

    Ich bezweifle auch, dass die schotterung die leute dazu bewegt, auf dem weg zu bleiben. Gras ist nicht nur barfuß, sondern mit beliebigem schuhwerk besser zu gehen, und hat nur den nachteil, sich bei sehr starker belastung (und regen) in schlamm zu verwandeln, außerdem eignet es sich nicht für fahrzeuge.

    Die wälder sind auch hier in der Steiermark primär für die forstwirtschaft erschlossen. Das bedeutet breite geschotterte forststraßen, die mit Lkw befahrbar sind. Wanderwege abseits dieser straßen werden teilweise von den diversen alpinen vereinen (OeAV, Naturfreunde, ÖTK usw.) angelegt und betreut. Aber je nach eigentümer der wälder ist das teilweise vermutlich nicht möglich, oder die vereine haben nicht genug kräfte, so fallen immer wieder auch mal wegstücke aus und sind dann bald unbegehbar, da nach dem nächsten sturm voller totholz, das nicht weggeräumt wird.

    Oberhalb der baumgrenze ist es deutlich einfacher; wo es nicht zu steil ist, gibt es almwiesen, die ich für den allerbesten untergrund für lange wanderungen halte.

    Der Bründlweg in der Steiermark wird teilweise als barfußweg bezeichnet und hat auch einen „Schuhstall“ zum einschließen der schuhe, besteht jedoch großteils aus schotterstraßen (ein zustand, an dem sich in den letzten jahren nichte geändert hat). Der grund dahinter dürfte wieder mal sein, dass die forstwirtschaft keine barfußtauglichen wege braucht, und es recht viel aufwand sein dürfte, 12 km wege abseits der straßen anzulegen und dauerhaft begehbar zu halten. Ich habe an den betreuenden verein eine e-mail geschrieben (bis jetzt nicht beantwortet; ich weiß nicht, wie aktiv dieser verein ist). Näheres in diesem forenthread (auch ohne anmeldung lesbar):

    http://www.hobby-barfuss-renaissance-forum.de/t2945f11-Barfusswanderung-am-Bruendlweg-Steiermark.html

    Dort gebe ich auch ein paar anregungen, wie forststraßen verbessert und gleichzeitig gut zu begehen und befahren sein könnten: Zum einen könnte in der mitte ein grasstreifen angelegt werden, der allerdings auch etwas pflege bedarf; zum anderen habe ich auch schon forststraßen erlebt, die nicht nur aus grobschotter bestehen, sondern in die auch feinerer sand eingearbeitet ist und das ganze so festgewalzt, dass keine steine mehr hochstehen. Leider bin ich kein straßenbauspezialist und weiß nicht, wie teuer und wie langlebig solche lösungen sind.

    Antwort
    • 21. August 2018 um 10:07
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      Interessante Gedanken. Die moderne Forstwirtschaft braucht tatsächlich Wege, die für die schweren Fahrzeuge taugen. Da führt leider kein Weg dran vorbei. Die Pfade und Steige könnten vielleicht barfußfreundlicher sein, wenn wir uns ehrenamtlich engagieren und mithelfen würden, solche Wege instand zu halten. Gerade gehe ich in Gedanken die paar Barfüßer durch, die ich hier kenne, und sehe ein: Wir stehen auf verlorenem Posten…

      Antwort
    • 21. August 2018 um 13:39
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      Eine andere Lösung wäre sicher statt des scharfkantigen Schotters rundgeschliffenen Kies zu verwenden wie er teilweise auf Spielplätzen zum Einsatz kommt, aber auch das ist vermutlich kostspieliger…

      Antwort
  • 21. August 2018 um 11:13
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    Hallo Wolfgang,
    dein erstes Foto oben zeigt, dass der Schotter nicht die Probleme des Bauern löst. Anstatt nur bei Regen laufen die Leute jetzt offenbar auch bei trockenem Boden lieber über die Wiese. Damit hat er das Problem für sich ja nur verschlimmert.

    Und was das Wegerecht betrifft, das der Bürgermeister da anführt: ich glaube nicht, dass so eines nötig ist. Er sollte vielleicht mal in die bayrische Verfassung und das Naturschutzgesetz gucken. Speziell z.B. Artikel 27 und 28.
    http://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayNatSchG-27

    Antwort
    • 21. August 2018 um 17:30
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      Hallo Jochen,
      richtig. Das Material ist einfach nicht gut gewählt. Jetzt wird womöglich noch zusätzlich ein Zaun nötig.

      Was das Wegerecht angeht, solltest Du in Deinem Link auch mal Paragraph 30 anschauen. Der Bürgermeister hat schon recht. Früher waren Wiesen und Felder von Georgi (23.4.) bis Allerheiligen gesperrt, heute beginnt die Periode wegen der geänderten klimatischen Bedingungen wohl eher am 1. April.

      Antwort
  • 21. August 2018 um 12:28
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    Danke für diesen Beitrag! Bei uns ist es dasselbe: Wanderwege werden geschottert, weil es zu wenige Leute zu deren Unterhalt gibt, gleichzeitig die Wege aber durch immer mehr Wandernde und Biker genutzt werden. Ich kann es ja sogar verstehen. Nur frage ich mich manchmal, warum es ausgerechnet immer dieses grobe Schotterzwugs sein muss. Vielleicht gibt es eine andere Art und Weise, einen Weg zu befestigen? Denn auch SchuhträgerInnen mögen diesen groben Schotter nicht wirklich.
    Wichtig scheint mir, dass die Leute aufgeklärt werden. Was Du bezüglich Landnutzung usw. recherchiert hast, gehört in jede Wanderzeitschrift. Wenn man die Leute auf diesem Weg und mittels Schildern darüber aufklären konnte, wie man sich gegenüber Kühen mit Jungtieren oder Herdenschutzhunden zu verhalten hat, sollte das auch bezüglich Verhalten auf solch wunderbaren Erdwegen gehen.

    Antwort
    • 21. August 2018 um 14:52
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      Ich denke, eine mischung aus verschiedenen körnungen ist am besten, wobei auch runde flusskiesel dabei sind. Gebrochener schotter ist erstens billiger (weil leicht aus größeren körnungen herzustellen) und zweitens stabiler bei fahrstraßen, für wanderwege (und auch mountainbike-wege) aber eigentlich nicht nötig.
      Richtig, wir sollten uns im Alpenverein, Schwarzwaldverein, Naturfreunden oder was auch immer für ein verein lokal aktiv ist engagieren und mit anpacken, dann können wir vielleicht bei der gestaltung der wege auch mitreden.

      Antwort
    • 21. August 2018 um 17:12
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      Heute war ich mit dem Rad im Alpenvorland unterwegs, auch auf einigen schmalen Wiesenwegen. Die waren bis auf einen allesamt geschottert, allerdings durchweg mit relativ feinkörnigem Material. Anderswo geht es also. Vielleicht denkt man in Bernbeuren auch noch um, zumal es jetzt schon Probleme mit dem groben Material gibt. Es rutscht nämlich von der Unterlage ab (herrlich angenehmes Vliesmaterial…). Ansonsten ist es tatsächlich notwendig, über Betretungsbeschränkungen und deren Hintergründe zu informieren, die offenbar nicht mal allen Einheimischen bekannt sind.

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