Der Jakobsweg

Barfuß auf dem Jakobsweg – von Erich Dietloff

Barfuß auf dem Jakobsweg

Ich habe mit meiner Frau 2009 den Jakobsweg begonnen. Damals hatte ich noch nicht geplant, diesen Weg bis nach Santiago de Compostela zu gehen. Ich wandere viel mit meiner Frau in Nordhessen und irgendwann hatte ich keine Lust mehr, im Kreis zu laufen. Nach einem Gespräch mit meinem Schwager kamen wir auf die Idee von Augsburg zum Bodensee zu wandern, da mein Schwager in der Region wohnt, und uns nötigenfalls hätte einsammeln können, falls es uns doch zu schwer fallen würde, mehrere Tage am Stück zu wandern.

Inzwischen bin ich mit meiner Frau in vier Etappen von jeweils drei bis vier Wochen von Augsburg bis nach Cahors in Frankreich gelaufen. Die ersten drei Etappen mit normalen Wanderschuhen, die vierte Etappe mit Wandersandalen. Ich hatte damals am ersten Tag mit meinen neuen Wanderschuhen Probleme und als ich deswegen auf Sandalen umstieg, stellte ich schnell fest, dass mir das Wandern in den Sandalen viel leichter fiel.

Dieses Jahr begannen wir unsere Etappe wieder in Cahors, und ich hatte den Plan, nur in Wandersandalen und barfuß die ca. 400 Km bis nach St.Jean Pied de Port zu laufen.

Ich laufe in meiner Heimat viel barfuß, bin aber bisher noch nie auf die Idee gekommen, das auch mit einem ca. 10 Kg schweren Rucksack zu tun.

Pont Valentré

Wir machten es so wie immer, und planten nur das Ziel für den nächsten Tag, weil wir uns selbst keinen unnötigen Druck machen wollten und wir auch Zeit haben wollten, die Welt und die Menschen um uns wahr zu nehmen. Die Etappen waren zwischen 20 und 25 km pro Tag angedacht.

Wir starteten in Cahors im Südwesten Frankreichs, ca. 40 km von Toulouse entfernt.

Blick auf Cahors

Im Mittelalter vereinigten sich in Cahors die Pilgerströme nach Santiago de Compostela, die dem Tal des Lot oder des Célé gefolgt waren. Wir begannen unsere Wanderung früh morgens um 7:00 und überquerten den Lot über die Pont Valentré, eine sehr schön erhaltene mittelalterliche Brücke, ein UNESCO Weltkulturerbe. Unser Weg führte auf dem alten Originaljakobsweg bergauf, bergab über Feld- und Waldwege. Später gingen wir auch über kleinere und größere Straßen. Wir hatten dieses Jahr Glück mit dem Wetter, nur wenige Regentage und mit zu großer Hitze hatten wir auch keine Probleme. Wir hatten wunderschöne Ausblicke, trafen interessante Menschen und sangen zu dritt in manch kleiner Kapelle.

Feldwege auf dem Jakobsweg

Obwohl ich es Zuhause gewöhnt bin, kostete es mich anfangs ein wenig Überwindung, auch mal ohne Sandalen zu laufen. Aber nach und nach machte es mir immer mehr Spaß.

Ich fühlte den Boden unter meinen Sohlen, was ich als angenehm empfand. Und wenn es zu steinig, oder die Straße zu heiß wurde, hatte ich ja meine Sandalen. Die Wanderschuhe habe ich nicht vermisst.

Kapelle auf dem Jakobsweg

Meditation in der Stille

In Moissac übernachteten wir in einem Kloster. Beim Abendessen stellte sich das Herbergsteam vor, darunter auch ein deutschsprachiger Pilger, der schon mehrfach den Jakobsweg gegangen war, unter anderem auch einmal barfuß. Als ich mich später mit ihm unterhalten wollte, war ich ein wenig enttäuscht. Ich sagte ihm, dass ich auch von Zeit zu Zeit barfuß gehe und überlege, ob ich auch mal einen ganzen Weg so gehen wolle. Er reagierte ablehnend und beendete das Gespräch mit dem Hinweis, dass der Weg hinauf auf die Pyrenäen eine ganz andere Hausnummer sei. Ich hatte den Eindruck, dass er das Barfußlaufen als etwas ganz Besonderes ansah. Ich bin aber der Meinung, dass es das Normalste der Welt ist, stelle aber immer wieder fest, dass ich mit dieser Meinung sehr allein bin. Auch hatte ich den Eindruck, dass er so von sich eingenommen ist, dass er kein Ohr für andere mehr hatte. So verstehe ich das Wandern auf dem Jakobsweg eher nicht.

Die drei Musketiere in Condom

Lustig fand ich die Unterhaltung mit einer jungen Pilgerin beim Abendbrot. Sie fragte mich, ob ich den ganzen Weg mit Sandalen laufen wolle. Als ich sagte: „Ja und ab und zu ziehe ich sie sogar aus,“ lachte sie herzlich, und meinte: „Du bist schon ein wenig verrückt!“ Ich stimmte ihr lachend zu.

Erich barfuss unter Pilgern

Auch war es lustig, als ich an einem sehr regnerischen Tag, an dem ich mich schnell von meinen Sandalen befreit hatte, weil es keinen Spaß macht, in nassen Sandalen zu laufen, bei unserer nachmittäglichen Pause, von einem anderen Pilger angesprochen wurde. „ Ach, du bist das, der hier barfuß läuft. Ich habe deine Spuren unterwegs im Schlamm gesehen und fotografiert.“

Barfuss durch Schlamm laufen

Bei meinen Gesprächen mit den anderen habe ich immer wieder bemerkt, dass die meisten Menschen nicht verstehen, warum ich das mache. Immer wieder wurde mir gesagt, was für einen harten Weg ich gewählt hätte. Ich bin aber nicht der Meinung. Ich versuchte immer wieder den anderen zu sagen, das mir meine Schuhe nicht drücken und es mir großen Spaß macht, so zu laufen. Dass es schön ist, den Grund zu spüren, auf dem man läuft: Gras nass oder trocken, Sand, Kieselsteine, Matsch und auch Teer (solange er nicht zu heiß ist). All das spüre ich unter meinen Fußsohlen und es ist schön, das zu spüren.

Fussabdruck im Schlamm

Nach ca. 400 Km habe ich mit meiner Frau glücklich St-Jean-Pied-de-Port erreicht. Ich freue mich nun auch die fünfte Etappe meines Jakobsweges geschafft zu haben. Auch freue ich mich, dass ich davon einen großen Teil barfuß gelaufen bin. Und natürlich freue ich mich schon darauf, diesen Weg weiter zu führen und irgendwann meinen Jakobsweg in Santiago de Compostela und am Cap Finisterre abzuschließen.

Erich mit Frau Ankunft in St-Jean-Pied-de-Port

Und ich bin sicher, das ich mir nächstes Mal das Gewicht der normalen Wanderschuhe, die ich dieses Mal noch sicherheitshalber im Rucksack hatte, sparen werde.

Ein letzter schöner Sonnenaufgang

Zusammenfassend glaube ich, sagen zu können: Jeder der gesunde Füße hat, kann auch längere Wanderungen ohne feste Wanderschuhe machen. Die Wege bergauf und bergab fielen mir barfuß leichter, weil ich das Gewicht meines Rucksacks besser mit den Sohlen abfangen konnte und es keinen Ruck in der Wirbelsäule gab. Für mich waren die Wandersandalen wichtig, weil es doch immer wieder Strecken gibt, die für meine Füße nicht zum Barfußlaufen geeignet sind (Heißer Teer, Feldwege mit scharfkantigen Steinen).

Erich barfuss auf einem Wiesenpfad

Man muss sich allerdings ein dickes Fell zulegen, was die Kommentare der Mitpilger betrifft, weil das Barfußlaufen nicht als normal angesehen wird. In den Augen der Anderen ist man als Barfußläufer entweder ein Held, ein Masochist oder verrückt.

Auf meiner Webseite gibt es eine Auswahl der schönsten Fotos zu sehen, und im Herbst 2018 wird es einen Fotokalender 2019 über den Jakobsweg geben.

Meine Frau ist gerade dabei, ihr Buch über den Jakobsweg in Frankreich zu vollenden, was wahrscheinlich im Sommer 2018 erscheinen wird. Auch von dem bereits veröffentlichten Buch „Auf dem Weg der Muschel“ über den Jakobsweg in Deutschland und der Schweiz wird es wahrscheinlich eine Neuauflage geben.

Erich barfuss mit seiner Frau unterwegs

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Erich Dietloff

Ich bin 1955 im Ruhrgebiet geboren. Hauptberuflich bin ich in der IT beschäftigt. In meiner Freizeit fasziniert mich das wechselvolle Leben der Natur. Für mich ist Fotografieren nicht nur ein technischer Prozess sondern auch ein mit viel Einfühlungsvermögen und Intuition gespicktes kreatives Hobby. Auf meinen Wanderungen und in meinem Umfeld suche ich immer wieder nach interessanten Motiven und anderen Blickwinkeln. Besonders die ungewöhnlichen Perspektiven haben mir es angetan. Auch wenn das Foto am Anfang noch nicht ganz meinen Vorstellungen entspricht, kann ich oft durch Fotobearbeitung am Computer noch die Effekte herausholen, die hinterher mein Bild ausmachen. Wer gern noch mehr Fotos von mir anschauen möchte, kann mich gern auf meiner Internetseite besuchen.

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4 Gedanken zu „Barfuß auf dem Jakobsweg – von Erich Dietloff“

  1. Hallo Erich,
    ein sehr schöner Bericht, mit tollen Fotos,
    ich hätte gedacht, das gerade beim Pilgern, Barfußwandern von den Leuten als nichts ungewöhnliches angesehen wird.

    Liebe Grüße von Mittelhessen nach Nordhessen

    C-P

    1. Leider ist das nicht mehr unbedingt so.
      Die Idee Jakobsweg ist inzwischen auch ein Geschäftsmodell geworden.
      Es gibt Tourismuspilger ( 3 Wochen Jakobsweg all inclusive mit leichtem Gepäck)
      Es gibt die Sportpilger ( möglichst schnell den Weg hinter sich bringen)

      Und es gibt zum Glück auch noch richtige Pilger.
      Damit meine ich Menschen, die es riskieren mit sich selber alleine klar zu kommen.
      Damit meine ich Menschen, die es riskieren nicht alles schon geplant zu haben.
      Damit meine ich Menschen, die bereit sind sich in frage zu stellen und sich zu ändern.
      ….
      Um diese Menschen kennen zu lernen lohnt es sich, sich auf den Weg zu machen.
      Ich bin bisher nur im Haus, und in der direkten Umgebung barfuß gelaufen.
      Ich glaube eine Lektion, die ich auf dem diesjährigen Weg gelernt habe.
      Stehe zu Dir und Deinen Bedürfnissen, auch wenn andere sie nicht verstehen.

  2. Hallo Erich
    Das war schön zu lesen – ich bin 1996 allein von Le Puy in einem Stück (also, präzise, in 52 Etappen) nach Santiago gepilgert. Das war lange vor meiner Barfusszeit. Vieles, was Du beschreibst, kommt mir sehr bekannt vor, obwohl es schon lange her ist. Auch ich könnte ein Buch über meine Erlebnisse und Erfahrungen schreiben und ich wäre ohne Jakobsweg nicht die, die ich heute bin. Unterwegs habe ich in Spanien einen Belgier getroffen, der aus Belgien barfuss gepilgert ist. Er hatte sehr sehr leichtes Gepäck und ging kleine Etappen, nie mehr als 20 Km am Tag. Er sagte mir, das sei für seine Füsse besser. Damals habe ich ihn irgendwie bewundert, nicht aber belächelt. Nur konnte ich nicht nachvollziehen, warum er so kleine Etappen ging! Nun, da ich seit anderthalb Jahren barfuss lebe, wandere und auch bereits ein 150-Km-Trekking hinter mir habe, kann ich diesen Pilger sehr gut verstehen! Meiner Meinung nach kann man barfüssig sehr gut langstreckenwandern, sofern man sich Zeit nimmt. Und wie Du halte ich es für vernünftig, ein Paar Sandalen dabei zu haben. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass das Rucksackgewicht leicht sein muss, denn das belastet die Füsse weniger. So habe ich es in den letzten Jahren kontinuierlich runtergeschraubt, samt Verpflegung für mich und den Hund für 7 Tage, Hängematte, Isomatte, Schlafsack, Tarp und 3 Liter Wasser brachte er nur noch 13 Kg. auf die Waage !
    Nun, „buon camino“ und liebe Grüsse
    Dorothea

    1. Mein Rucksack wiegt nur ca. 10Kg, aber ich kann mich gut an einen schwereren Rucksack erinnern. Unsere Hündin „Mona“ hat uns bis zum Genfer See begleitet. Nun ist Sie 11 Jahre alt, und zu solch langen Wanderungen nicht mehr in der Lage. Auch was die Länge der Etappen angeht gebe ich Dir Recht, aber mir geht es beim Wandern nicht darum möglichst schnell von A nach B zu kommen.
      Ich möchte Zeit haben die vielen kleinen und großen Dinge zu sehen, denen ich begegne. Ich möchte auch einfach mal nur stehen bleiben, um zu sehen wie schön diese Welt ist, oder ein schönes Gespräch führen.
      Ich werde meinen Weg 2019 weiter laufen. Und ich werde wieder, wie bei jeder Teilstrecke neue Erfahrungen machen. Da ich dann nicht mehr arbeiten muss, werde ich versuchen den Weg dann komplett bis Santjago (Finestere) zu laufen.
      Auch habe ich mich entschlossen nicht den Camino del France sondern den Camino del Nore zu laufen.
      Der Camino del Nore soll einsamer, landschaftlich schöner und körperlich anspruchsvoller sein. Was für mich alles Gründe sind diesen zu gehen.
      Außerdem habe ich in diesem Jahr endgültig Feuer gefangen. Meine festen Wanderschuhe bleiben zu Hause, und meine Wandersandalen werde ich wirklich nur noch raus holen, wenn ich barfuß nicht mehr weiter komme.

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