Ein langer Weg – Interview mit Ulrich Conrad, Berlin

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Hallo Ulrich,

Du bist ja in der Barfußszene kein Unbekannter mehr. Du warst schon in Fernsehtalkshows, hast Presseinterviews gegeben, organisierst Barfußwanderungen. Sicher ist die Liste damit noch nicht vollständig. Was uns und die Leser unseres Blogs als Erstes interessieren würde ist, wie Du eigentlich zum Barfußlaufen gekommen bist. Und wann war das? Gab es eine Initialzündung und „puff“ warst Du Barfüßer, oder war das eher ein langsamer, zögerlicher Einstieg? Welche Rolle hat das Hobby-Barfuß-Forum dabei gespielt? Oder Berichte über andere Barfüßer? Erzähl doch mal.

Es war ein sehr langsamer und zögerlicher Einstieg.

Bereits in meiner Kindheit war ich beeindruckt davon, dass in bestimmten Filmen Menschen barfuß zu sehen waren, die nicht nur gelegentlich, sondern immer barfuß lebten. Das waren die Filme „ Sandokan – Der Tiger von Malaysia “ von 1976 und „ Fitzcarraldo “ von 1982. Barfüßigkeit kam für mich damals nicht in Frage, da meine Eltern sehr auf mich achteten, aber diese Szenen blieben in Erinnerung. Ich kann mich auch an einen Mitschüler in der Oberschule erinnern, der im Sommer regelmäßig barfuß lief. Das war Anfang der 80er Jahre. Der Wille das auch mal auszuprobieren wurde größer, und irgendwann kletterte ich nachts aus dem Fenster der elterlichen Wohnung, um heimlich barfuß in den Garten zu gehen, dann auf die Straße, eine ruhige Wohnstraße, wo nachts kaum mit Passanten zu rechnen war, und schließlich ging ich auch in den etwa einen Kilometer entfernten Grunewald. Ich machte das immer wieder, was meine Eltern nie bemerkt haben.

Barfuß durch die Nacht
Barfuß durch die Nacht

Barfußlaufen spät in der Nacht. Kommt bestimmt einigen bekannt vor. Wann hast Du Dich denn das erste Mal bei Tageslicht getraut, barfuß zu laufen?

1984 machte ich ein Praktikum im Rathaus Berlin-Zehlendorf. Dort erlebte ich zum ersten mal Mittagspausen. Da ich gewohnt war zuhause zu essen, nutzte ich die Zeit für kurze Spaziergänge, fand dabei ein kleines Waldstück im Zehlendorfer Gemeindewäldchen, wo ein Trampelpfad in einen kaum einsehbaren Bereich führte. Hier wagte ich erstmals tagsüber meine Schuhe auszuziehen, um wenige Schritte barfuß auf dem Waldboden zu genießen.

War dann Schluss mit den nächtlichen Barfußausflügen?

Nein, die nächtlichen Wanderungen dehnte ich sogar weiter aus, was gelegentlich zu erheblicher Müdigkeit führte. Ich lief mir dabei auch schlimme Blasen unter dem Ballen, musste sie aber ignorieren, weil ich niemandem davon erzählen konnte.

In den 80er Jahren reisten meine Eltern mit mir jeden Sommer nach Bayern. Dort wurden dann gelegentlich Freunde meiner Eltern in Seeon (Gem. Seeon-Seebruck) besucht. Fast jedes Mal, wenn wir am See entlang fuhren, sah ich irgendjemanden barfuß. Das schien in Bayern sehr viel verbreiteter als in Berlin zu sein. Eigene Gelegenheiten ergaben sich daraus jedoch nicht. Das lag nicht daran, dass mir meine Eltern das verboten hätten, nein, ich habe gar nicht erst gefragt.

Aber irgendwann kam es doch sicher auch wieder zu Spaziergängen bei Tageslicht?

Ja, natürlich. Ab 1990 begann ich mit meinem Auto die Umgebung Berlins zu erkunden. Dabei hatte ich Gelegenheit in Gegenden vorzustoßen, in denen mich ganz bestimmt niemand kannte.

Krumme Lanke
Krumme Lanke

Auch boten sich die einsamen Wälder Brandenburgs zu ersten Barfußschritten bei Sonnenschein an. Meine damaligen Hemmungen zwangen mich aber stets bereit zu sein, um schnell Schuhe anziehen zu können, falls jemand kommt.

Als ich ab 1994 als Taxifahrer arbeitete, sah ich im sommerlichen Berlin oft barfüßige Menschen. Das wollte ich dann möglichst sofort nachmachen, natürlich nicht in Berlin, das schien mir zu riskant. Ich unternahm so bald wie möglich einen meiner dadurch sehr zahlreichen Ausflüge in die Umgebung. An heißen Sommertagen fand ich schließlich auch den Mut, in fremden Städten barfuß unterwegs zu sein. Ein erstes Mal könnte jener Rundgang durch Prien am Chiemsee gewesen sein. Im Prinzip war das noch ein Urlaub mit meinen Eltern, wie sie ihn mir jedes Jahr bieten wollten. Mein Vater unternahm mit mir Wanderungen in den Bergen, während meine Mutter dafür nicht zu begeistern war und am Urlaubsort blieb. Nachdem mein Vater 1988 verstarb, bot mir meine Mutter noch zweimal eine solche Reise, bei der ich viele Ausflüge alleine unternahm, natürlich im Gebirge mit festen Wanderstiefeln, wie ich es gelernt hatte. In Prien am Chiemsee unterbrach ich aber irgendwann die Autofahrt, um eine Runde um einen Häuserblock barfuß zu laufen. Ich ging wie in Trance, schaute nicht rechts und nicht links, voller Hemmungen, was die Leute über mich denken könnten. Ich war froh, als ich wieder am Auto war, aber auch stolz das geschafft zu haben.

So etwas kommt sicher vielen Barfüßern bekannt vor, mir übrigens auch. Und wie ging es dann weiter?

Natürlich war es naheliegend, dass ich künftig alleine reisen würde. Das war für mich zwar mit Komforteinbußen und Kosten verbunden, brachte aber auch viel mehr Freiheiten und Gelegenheiten barfuß zu sein.

Durch meine Ausflüge in das sich für mich immer weiter ausdehnende Umland Berlins gewann ich an fremden Orten auch Selbstbewusstsein. 1996 besuchte ich erstmals barfuß ein Museum, das Strandmuseum Darßer Ort. Dort passte es auch irgendwie.

Oft fuhr ich ins Elbsandsteingebirge, wo ich idealen Boden zum Barfußwandern fand. Anfangs wagte ich es nicht, weil ich von meinen Eltern gelernt hatte, das man im Gebirge festes Schuhwerk benötigt, dann merkte ich jedoch, dass dieses Gebirge einen ganz anderen Charakter hat, der keineswegs besondere Schuhe erfordert. An senkrechten Wänden sah ich barfüßige Kletterer und dachte mir, dass ich zumindest auf den sandigen Wegen auch gut barfuß sein könnte. Das ging dann auch sehr gut.

Ulrich Conrad im Elbsandsteingebirge
Ulrich Conrad im Elbsandsteingebirge
Ulrich Conrad im Elbsandsteingebirge
Ulrich mit einer Barfußfreundin im Elbsandsteingebirge
Ulrich Conrad im Elbsandsteingebirge
Pfad im Elbsandsteingebirge

1997 gestand ich meiner Freundin dieses Hobby ein. Wir unternahmen gemeinsame Ausflüge und als es sommerlich wurde, wollte ich wieder barfuß sein. Als sie sich im Auto ihre Schuhe auszog, natürlich um sie vor dem Aussteigen wieder anzuziehen, machte ich das auch. Natürlich ohne sie vor dem Aussteigen wieder anzuziehen. Bei ihr stieß ich auf Verständnis. Sie hat es aber nie meiner Mutter oder anderen aus der Familie erzählt.

Klar, da kommt Barfußlaufen wohl nicht in Frage. Wie haben Andere Deine Barfüßigkeit aufgenommen?

1999 erzählte ich einem Kollegen, mit dem ich gemeinsam nach Bayern reiste, um die dann leider verregnete Sonnenfinsternis zu erleben, von meinem Hobby. Ich konnte mir einfach nicht mehr vorstellen, eine ganze Urlaubsreise lang durchgehend Schuhe zu tragen. Er fand das zwar albern und unpassend, woran sich bis heute nichts geändert hat, aber er hat meiner Familie gegenüber, zu der er durchaus Kontakt hatte, geschwiegen.

Wann hattest Du denn erstmals Kontakt zu anderen Barfüßern?

Das war im Jahr 2004. Da  wanderte ich erneut im Elbsandsteingebirge und stieg von Schmilka aus zu den Affensteinen hinauf.

Elbsandsteingebirge
Elbsandsteingebirge

Am Anfang liegt dort eine gut begehbare Asphaltstraße, das wusste ich. Ob der weitere Weg barfußtauglich wäre, wusste ich nicht. Ich wollte einfach so weit barfuß bleiben, wie es ging. Da sah ich vor mir einen barfüßigen Mann in Begleitung zweier beschuhter Mädchen. Während einer kurzen Pause holte ich sie ein, und wir kamen ins Gespräch. Den Mädchen hatte er verboten barfuß zu gehen, weil Mädchenfüße angeblich weich und zart bleiben sollten, er selbst hatte aber keine Probleme, er schien geübt zu sein. Als der Asphalt aufhörte, dachte ich mir, was der kann, kann ich auch und blieb barfuß. Er erzählte mir, dass es in Berlin einen Verein von Barfüßern geben würde, nach dem ich im Internet mal suchen sollte.

Ein Barfußverein? Gab es den wirklich?

Nein! Ich hatte damals noch keinen Internetanschluss, bekam ihn aber kurz darauf, im August 2004. Das erste Wort, das ich googelte, war „barfuß“. Den erwähnten Verein fand ich zwar nie, aber statt dessen das Hobby-Barfuß-Forum, in dem ich mich sofort angemeldet habe. In meiner Vorstellung dort schrieb ich, dass ich längstens 82 Stunden barfuß war und einmal ohne Schuhe mit dem Zug nach Rostock fuhr.

Oh ja, das Hobby-Barfuß-Forum. Das war wohl für viele eine ganz wichtige Stütze bei ihrem Einstieg ins Barfußleben. Bei uns war es ja genau so.

Von diesem Forum war ich sofort begeistert. Ich wollte diese interessanten Menschen kennen lernen, habe von Treffen gelesen, doch es war keines angekündigt. Da ich ausgesprochen gerne mit meinem Auto durch die Gegend reiste, fragte ich, wer mir seine Heimat zeigen würde. So landete ich nur eine Woche später in der Nähe von Bamberg, wo Lothar mit mir das Fischerstechen besuchte.

Fischerstechen in Bischberg bei Bamberg
Fischerstechen in Bischberg bei Bamberg

Noch immer wusste aber niemand aus meiner Familie, dass ich gerne barfuß bin. Mich zu outen, hatte ich nicht gewagt. Das musste sich nun aber ändern, und ich wusste auch, wann das passieren sollte. Im Frühjahr 2005 musste ich, wie jedes Jahr, den Rasen im Garten vertikutieren, mit einem Elektrogerät, dass einem Erde und Moos vor die Füße wirft. Schuhe werden dabei dermaßen dreckig, dass ich zu meiner Mutter sagte, dass es sinnvoller wäre das barfuß zu machen, da die Füße leichter zu reinigen wären. Sie sah das ein und ich ließ mir hinterher viel Zeit, um möglichst lange barfuß zu bleiben. Ich erzählte ihr dann wie schön ich das fände und sie gewöhnte sich halbwegs daran. Kurz darauf wussten es alle in der Familie, denn eine solche Neuigkeit behielt meine Mutter nicht lange für sich. Das war mir auch sehr Recht, denn so war kaum noch jemand überrascht.

Wow, wirklich eine lange Geschichte. So wie Du erleben ja viele den Einstieg ins Barfußlaufen als mentalen Kraftakt, als Prozess, in dem man sich erst mal von seinen Ängsten freimachen muss, als Barfüßer sozial ausgegrenzt zu werden. Sicher auch eine Frage des Alters.

Stimmt. Es gelang mir aber dennoch oft barfuß zu sein, ohne die Angst vor sozialer Ausgrenzung überwunden zu haben. Ich musste nur sicherstellen, dass mich niemand aus meinem Bekanntenkreis sehen könnte. Genau genommen waren es auch weniger soziale Folgen, als mögliche entsetzte Reaktionen von Seiten meiner Familie. Ich möchte dazu erwähnen, dass ich bis heute stets sehr gut mit allen auskomme und wohl behütet aufgewachsen bin. Mein Freundeskreis war jedoch sehr überschaubar, da hätte ich nicht viel verlieren können. Aus meiner Schulzeit hatte ich ohnehin nur noch zu einem Mitschüler Kontakt, der auch einmal barfuß in meine elterliche Wohnung kam. Er wohnte nur wenige hundert Meter entfernt. Als ich bei ihm barfuß erschien, meinte er wörtlich: „Hey, du bist barfuß! Das ist ja toll!“

Dann kenne ich aus meiner Studienzeit noch einen Iraner mit seiner Verwandtschaft. Da diese Leute sehr viel Wert auf Sauberkeit legen, hatte ich da große Bedenken. Als sein Bruder mich eines Tages mit einem Besuch überraschen wollte, kam ich gerade vom Einkaufen die Straße entlang und war barfuß. Er kam mit dem Auto, bot mir an mich mitzunehmen, und beim Ausstiegen viel ihm auf, dass ich keine Schuhe an hatte. Ich erklärte es ihm dann. Das stieß zwar auf Verwunderung und Unverständnis, doch der Kontakt blieb bestehen.

Ob das Alter eine Rolle spielt, denke ich durchaus. Mit zunehmendem Alter gewinnt man an Selbstbewusstsein. Außerdem ist der Freundeskreis beständiger, weil langjähriger. Je länger man Menschen kennt, umso sicherer kann man sein, dass eine Freundschaft auch Bestand hat.

Und wie geht es Dir heute als Barfüßer in gesellschaftlicher Hinsicht? Fühlst Du Dich angenommen?

Ja, auf jeden Fall! Ich bin heute sehr aktiv in meiner Kirchengemeinde, bin dort angesehen und beliebt. Jeder kennt mich barfuß. Würde ich dort mit Schuhen erscheinen, müsste ich das begründen. Man hat mich sogar bei der letzten Wahl zum Gemeindekirchenrat als Kandidat haben wollen, gewählt wurde ich jedoch sehr knapp nicht. Es fehlten nur fünf Stimmen.

Barfuß bei der Konfirmation
Barfuß bei der Konfirmation

Gab es unangenehme Erlebnisse und wie bist Du damit umgegangen?

Am unangenehmsten empfinde ich es, wenn mir irgendwo barfuß der Einlass verwehrt wird. Dann rege ich mich innerlich extrem auf, versuche aber dennoch sachlich zu bleiben, um mich eventuell durchzusetzen. In Fällen, die mir wichtig sind, habe ich dann mittels schriftlicher Beschwerden offizielle Erlaubnisse bekommen, so bei meiner REWE-Filiale und bei den Berliner Verkehrsbetrieben. Wie ich von einem mir bekannten Busfahrer erfuhr, hing, nachdem ich mich mehrfach über solche Vorfälle beschwerte, in den Betriebshöfen ein Aushang, dass auch barfüßige Fahrgäste zu befördern seien.

Hat Dich das Barfußlaufen mental gestärkt? Hatte das Auswirkungen auf andere Bereiche, die mit dem barfüßigen Leben nicht direkt zu tun haben?

Ich bin mir sicher, dass ich selbstbewusster geworden bin. Das nützt mir sicher in vielen Dingen.

Barfuß und selbstbewusst
Barfuß und selbstbewusst

Hast Du neue wertvolle Freundschaften geschlossen, die ohne das Barfußlaufen nicht zustande gekommen wären? Und sind das alles Barfüßer, oder gibt es auch Schuhträger darunter?

Ich habe viele Freunde gefunden, die ich ohne das Hobby-Barfuß-Forum nie kennen gelernt hätte. Natürlich sind das in erster Linie Menschen, die ebenfalls gerne barfuß sind, aber sie sind es nicht unbedingt immer. Eine gute Bekannte hatte ich 2007 bei einem Barfußtreffen im Elbsandsteingebirge kennen gelernt. Sie wollte es mal probieren, doch normalerweise ist sie nie barfuß. Sie bewundert aber meine diesbezüglichen Fähigkeiten und ist da vielleicht etwas neidisch.

Barfuß und selbstbewusst
Wandern mit Barfußfreunden

 

Hatte das Barfußlaufen für Dich Auswirkungen auf Dein körperliches Wohlbefinden, mal abgesehen davon, dass die Füße eine vorher ungewohnte Freiheit genießen? Und welche sind das? Gab es oder gibt es auch Probleme?

Ich litt früher gelegentlich unter Rückenschmerzen. Durch das Barfußlaufen ist es wesentlich besser geworden. Durch jahrelanges Training kann ich längst lange Barfußwanderungen unternehmen ohne Angst vor Blasen haben zu müssen. Meine letzten Blasen lief ich mir 1996. Auch Verletzungen durch Splitter sind seltener geworden, was ich auf eine gesunde und zunehmend feste Haut zurückführe.

Probleme bekam ich nur durch Kälte. Leichte Frostblasen heilten aber genauso schnell wie normale Blasen. Bei einem frostigen Barfußspaziergang durch Leipzig entzündete sich jedoch meine Achillessehne. Das war schmerzhaft und dauerte recht lange. Heute weiß ich, dass ich sofort Dehnübungen hätte machen sollen.

Wir haben ja schon in unserem Blog darauf aufmerksam gemacht, dass Barfußlaufen Grenzen hat. Die sehen für jeden Einzelnen sicher ganz unterschiedlich aus. Wie ist das bei Dir? Wo liegen Deine Barfußgrenzen?

Die Grenzen liegen dort, wo es mir zu kalt wird. Da lege ich mich auf keine Temperatur fest, denn das hängt sehr von Feuchtigkeit und Wohlbefinden ab. Diesen Winter konnte ich bisher jeden Tag barfuß nach draußen gehen, bei zu großer Kälte würde ich aber auf Schuhe zurückgreifen.

Barfuß auf der zugefrorenen Havel
Barfuß auf der zugefrorenen Havel

Außerdem ziehe ich Schuhe an, wenn ich jemanden besuchen will, bei dem man sich aus Gründen einer übertriebenen Hygiene die Schuhe ausziehen muss. Barfuß geht das ja nicht. Ehe ich aus Angst, dass ich den Schmutz meiner Fußsohlen dort verteilen könnte, Socken oder Hausschuhe aufgedrängt bekomme, oder gebeten werde mir in einem fremden Bad die Füße zu waschen, das ja meist auch erst durch die Wohnung erreichbar ist, was den Gastgebern schon Unbehagen vermittelt, wasche ich meine Füße lieber zuhause, ziehe mir für die kurze Zeit des Wegs Schuhe an und darf dann den ganzen Abend barfuß sein.

Du hast ja schon reichlich Kontakt mit den Medien gehabt. Wie kam es dazu? Wie sind die auf Dich aufmerksam geworden?

Im Grunde begann das mit einem Bekannten, den ich über einen Tipp aus dem Hobby-Barfuß-Forum kennen lernte. Mit ihm gründete ich die längst aufgegebene Barfußinitiative Berlin-Brandenburg. Er wandte sich an die Medien, wir wurden gelegentlich interviewt und vermutlich gibt es dort Dateien, aus denen sich Journalisten bedienen können, wenn sie jemanden suchen, der zum Thema befragt werden soll. Es waren jedenfalls immer die Medien, die an mich heran traten, nie hatte ich um ein Interview gebeten.

Gab es irgendwelche lustigen oder interessanten Begebenheiten bei diesen Medienkontakten?

Lustige Szenen gibt es im Leben ständig, auch beim Kontakt mit Medien. Interessant sind diese Kontakte auch. Es erwies sich z. B. als sehr unklug einem Fernsehteam zu empfehlen, uns auf einer Barfußwanderung zu begleiten. Das hält nämlich extrem auf! Bis eine Szene im Kasten ist, muss sie zigmal wiederholt werden, einmal von dieser Seite, einmal von jener Seite, dann stimmt das Licht nicht, dann sind irgendwo störende Geräusche, es war eigentlich eine Zumutung für die Wanderer.

Der Besuch bei der Talkshow „Unter uns“, beim MDR in Leipzig, war unvergesslich. Allein diese riesigen Hallen und endlosen Gänge zu erleben, war faszinierend. Die Vorbereitungen ebenfalls. Die Show selbst erschien mir als nettes Gespräch mit einem interessierten Gesprächspartner. Dass da noch Kameras waren, war mir völlig egal.

Wurdest Du nach Presseberichten und Fernsehauftritten von Menschen angesprochen oder angeschrieben, die Du vorher nicht kanntest? Und hast Du von Fällen gehört, die sich durch Deine Medienarbeit zum Barfußlaufen animiert fühlten?

Es hat mich nie jemand darauf angesprochen. Man hört aber immer wieder, das Menschen vom Thema wissen und Interesse zeigen. Ich vermute daher, dass diese Berichte durchaus Menschen animieren können.

Manchmal ist die Animation erstaunlich einfach. Ich erinnere mich an eine junge Frau in Aschaffenburg. Sie sah mich barfuß in der Stadt, zog spontan ihre Schuhe aus und ging barfuß weiter.

Würdest Du aus heutiger Sicht beim Umgang mit den Medien etwas anders machen? Hast Du Tipps für andere Barfüßer, die auch von Medien angesprochen werden?

Ich habe bisher nur gute Erfahrungen gemacht, war aber auch nie bei privaten Sendern. Da hätte ich Bedenken. Zu den öffentlich rechtlichen würde ich jederzeit wieder gehen. Auch Zeitungsinterviews waren stets angenehm und positiv, erreichten aber nie weite Verbreitung.

Du bist ja auch Buchautor, allerdings mehr zum Thema Schienenfahrzeuge , die eins Deiner großen Hobbies sind. Vor nicht allzu langer Zeit hast Du uns erzählt, dass Du an einem Buch, einem Roman über das Barfußlaufen arbeitest. Ist das noch aktuell? Und wenn ja, kannst Du uns schon verraten, um was es in dem Buch gehen wird?

Es geht um die Geschichte einer jungen Frau, die ihrer Einsamkeit entflieht, indem sie zum Barfußlaufen kommt, einen Barfüßer kennen lernt, sich in ihn verliebt und dabei selbst zur Barfüßerin wird. Derweil muss sie allerhand Hürden überwinden, im Grunde alle Hürden, die einem Anfänger Probleme bereiten können.

Du bist als Organisator von Barfußwanderungen und -treffs in Deiner äußerst barfuß-freundlichen Heimat bekannt. Kannst Du uns ein wenig über diese Veranstaltungen erzählen? Wie kam es dazu? Wer sind die Teilnehmer. Und wo führst Du Deine Treffs und Wanderungen durch?

Die oben erwähnte Barfußinitiative hatte sich bemüht, im Umland Berlins Barfußwanderungen zu etablieren. Da diese Initiative nur aus zwei Personen bestand, die andere Person aber bald kein Interesse mehr zeigte und ich das nicht alleine schaffen konnte, schlief sie ein, doch es blieb mein Kontakt zum Naturpark Hoher Fläming, wo ich weiterhin einmal im Jahr eine Barfußwanderung organisiere.

Barfuß auf der zugefrorenen Havel
Barfußwanderung in Brandenburg

Die Teilnehmer kommen zum Teil aus der Gegend, wo für die Wanderung, die im Rahmen eines Naturparkwanderfestes stattfindet, geworben wird, zum Teil kommen sie aus Berlin, und manchmal gibt es Gäste, die durch das Hobby-Barfuß-Forum zum Kommen animiert werden. Im Jahre 2014 wurde ich dort sogar für meine langjährige Tätigkeit mit einem Präsentkorb und einer Urkunde geehrt. 2015 organisierte man dort auf mein Anraten und unter meiner Mitwirkung, den deutschen Barfußwandertag, den man, unter Berücksichtigung ungünstigen Wetters, als erfolgreich bezeichnet hat. (Wir hatten strahlenden Sonnenschein, bei 38°C, was zum Wandern entschieden zu heiß ist.)

Was sind Deine nächsten Projekte?

Ein Romanmanuskript über eine fiktive junge Frau, die durch ihre Scheidung und den Tod ihrer Mutter melancholisch wird, aber durch eine Barfußwanderung zu neuer Lebensfreude findet, sich in einen Barfußläufer, den ihre Familie zunächst für peinlich und ungeeignet hält, verliebt, Widerstände und Hemmungen jedoch überwindet, bis endlich eine harmonische Verlobung folgt, liegt fertig vor. Mir fehlt nur noch ein Verlag, der daran Interesse zeigt.

Lieber Ulrich, das war wirklich interessant und spannend. Herzlichen Dank für Dein Engagement und Deine Geduld mit unseren vielen Fragen. Wir wünschen Dir alles Gute für Dein weiteres Barfußleben und gutes Gelingen Deiner Projekte. Wäre klasse, wenn wir Dich bald auch mal hier bei uns begrüßen könnten.

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Aktualisiert von Wolfgang Hilden am 13. April 2018

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