Elisabeth mit 18 Jahren

Elisabeth – eine ungewöhnliche junge Barfußpersönlichkeit

Es begann mit 12 Jahren und zwei verschiedenen Schuhen

Hallo, mein Name ist Elisabeth und mein Barfuß-Werdegang ist vermutlich ein wenig ungewöhnlich.

Es begann alles Herbst 2011 als ich – noch nicht ganz 13 Jahre alt – von dem starken Wunsch befallen wurde, mich irgendwie von meinem Umfeld abzuheben, weshalb ich anfing, zwei verschiedene Schuhe zu tragen. Ich mochte es, aufzufallen und irgendwie Individualität auszudrücken (und als so junger Mensch, der noch lange nicht angefangen hat, herauszufinden, wer er ist, meint man eben, dass Schuhe irgendetwas über Individualität aussagen). Doch schon nach wenigen Monaten verbot mir meine Mutter das Tragen verschiedener Schuhe, weil sie meine permanenten Rückenschmerzen darauf zurückführte. Erst war ich wütend auf sie, verstand den guten Willen dahinter nicht, doch im Frühling 2012 muss ich dann irgendwie darauf gekommen sein, dass ich anfangen könnte, mehr barfuß im Alltag zu laufen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie und wann ich zu dieser Entscheidung kam, ich erinnere mich aber, dass ich Ostern 2012 auf einem Ferienlager war und es für mich schon normal war, barfuß herumzulaufen, was auch größtenteils geduldet wurde.

Elisabeth mit 13 Jahren

Barfuß – na und?

Zugegebener Maßen kann ich mich nicht mehr so genau erinnern, wie viel Raum das Barfußsein in den darauf folgenden Jahren einnahm. Ich war von ca. März bis Oktober/November in meiner Freizeit größtenteils barfuß, weil ich mich dadurch wohl fühlte, machte mir aber überhaupt keine Gedanken darüber. Es war normal. Für mich und für mein Umfeld, ich zog aber auch oft Schuhe an, wenn ich zu einem Anlass nicht barfuß auftauchen wollte (wie etwa Ärzte-Besuche oder Familienfeiern) und auch darüber machte ich mir keine Gedanken.

Elisabeth

Barfuß in der Schule

2015 im Mai, ich war mittlerweile 16 und am Ende der 11. Klasse, fand ich heraus, dass barfuß laufen in der Schule überhaupt nicht verboten ist, wie ich bis dahin angenommen hatte. Das war der Punkt, an dem ich zum Ganzjahresbarfüßer wurde. Es ging auch ein paar Monate gut, bis im November mein Schulleiter auf einmal das Gespräch mit mir suchte, weil er nicht länger dulden wollte, dass ich barfuß in der Schule lief. Es folgten einige Wochen des „Machtkampfes“, die sehr kräftezehrend waren und auch nicht gerade dazu beitrugen, dass mein Verhältnis zu meinen Mitschülern besser wurde. Sie verstanden nicht, warum ich mich so herumstreiten musste mit einer Autoritätsperson. Aber mir war es wichtig, also blieb ich stur. Letztendlich hatte ich gewonnen und durfte die letzten 5 Monate meiner Schulzeit noch barfuß verbringen. Ich war bekannt wie ein bunter Hund (dazu kam, dass ich mir kurz vor dem Schulleiter-Streit meine langen Haare auf 6mm abrasiert hatte), aber mir war das ziemlich egal. Es war schon lange nicht mehr mein Ansinnen, aufzufallen wie damals mit 13 und es war noch nie mein Ziel, gemocht zu werden; ich wollte einfach barfuß laufen, weil ich es gern tat und es ein Lebensstil war, der mir gefiel.

Es folgte mein erster Barfußwinter, in dem ich bei zu kalten Temperaturen Neoprensocken trug, und im Juni erhielt ich mein Abiturzeugnis. Ich ging natürlich auch barfuß zum Abiball und auch in unserer Mottowoche passte barfuß hervorragend zu den Kostümen.

Elisabeth als Benjamin Blümchen

Elisabeth auf ihrem Abiball

Warum laufe ich eigentlich barfuß?

Ich nahm ein Studium auf und stellte fest, dass barfuß an der Universität absolut gar kein Problem ist. Januar/Februar 2017 (mittlerweile 18 geworden) verbrachte ich aus diversen Gründen mehrere Wochen in einem Kloster, auch um „mich selbst zu finden“, wie man so schön sagt. Schon am zweiten Tag fragte ich mich plötzlich ganz ernsthaft, warum ich eigentlich barfuß laufe. Alles, wirklich alles an/in mir und um mich herum hatte ich im Laufe der Pubertät hinterfragt, nur das nicht. Ich fragte mich, ob ich es tatsächlich nur aus den Gründen tue, die ich immer nenne, wenn mich jemand danach fragt (Selbstentfaltung, Freiheit, Lebensgefühl, etc. pp), oder ob ich mich nicht irgendwie darüber definiere und damit identifiziere. Ob ich nicht manchmal nur deswegen barfuß laufe, weil mein Umfeld das von mir erwartet, weil ich schließlich selbst erklärter Ganzjahresbarfüßer bin. Ich beschloss, dass das keine Gründe sind, aus denen ich barfuß laufen möchte und ich deshalb so lange Schuhe tragen würde, bis ich all die Fragen für mich geklärt hatte.

Elisabeth und ihre Fragen zum Barfußlaufen

Es war erstaunlich, zu sehen, wie sehr sich der Körper daran gewöhnt hatte, keine Schuhe zu tragen. Die Temperaturregelung spielte ein paar Tage verrückt, weil plötzlich meine Füße nicht mehr beheizt werden mussten durch den Körper; ich hatte ein paar Tage lang Knieschmerzen, meine Rückenschmerzen kamen zurück und ich nahm meine Umwelt wieder ganz anders wahr.

4 Wochen hielt ich das durch, bis mich die Sehnsucht aus den Schuhen trieb. Die Sehnsucht nach Luft, Boden, Steinen und Erde unter den Füßen. Mir wurde bewusst, dass die Fragen meiner Identität mich wohl bis an mein Lebensende beschäftigen würden, ich sie aber zweifellos nicht an ein paar Schuhe knüpfen würde. Mir ging auf, dass ich im Laufe der Jahre, vermutlich verursacht durch meine Jugendlichkeit, in eine Art Radikalitäts-Denken hinsichtlich des Barfußlaufens geraten war. Immer und überall barfuß, auch im Winter, auch wenn es ein wenig unangenehm werden könnte, denn: Du bist schließlich Ganzjahresbarfüßer, also halt dich daran. Du willst dir doch nicht die Blöße geben, dass dich jemand fragt, warum du plötzlich Schuhe trägst!

Fast immer barfuß – und manchmal Lust auf Schuhe

Tatsächlich bedurfte es mich auch ganz schön viel Überwindung, als ich dann eines Tages nach meinem Klosteraufenthalt in Schuhen zu einer Chorprobe ging, weil ich an dem Tag Lust auf Schuhe hatte. Wirklich eigenartig, denn wenn ich so darüber nachdenke, hat es mich (vermutlich im Gegensatz zu den meisten Menschen) nie Überwindung gekostet, irgendwo hin barfuß zu gehen; es war mir meist ziemlich egal, was man davon halten könnte, dass ich barfuß war, aber um in Schuhen in einer vertrauten Gruppe aufzukreuzen, musste ich wirklich über meinen Schatten springen. Es wurde aber sehr schnell normal für mein Umfeld, dass ich an schätzungsweise 3-4 Tagen im Monat Schuhe anhabe und den Rest der Zeit nicht. Das ist insgesamt etwas, das man als Barfußläufer erlebt: Das Umfeld gewöhnt sich so schnell daran. Ein paar Mal wird nach dem Kennenlernen noch auf die Füße geguckt, aber nach ein paar Wochen fällt es niemandem mehr auf.

Und so lebe ich jetzt. Ich bin die meiste Zeit meines Lebens barfuß, weil es mir Freude bereitet. An manchen Tagen habe ich Lust auf Schuhe, dann ziehe ich Schuhe an. Oder bei Chorauftritten, da gehört das zur Chorkleidung und da wir als kohärente Gruppe auftreten, ist es nicht wünschenswert, wenn irgendwer heraussticht. Und zum Plasmaspenden darf ich nicht barfuß gehen.

Elisabeth mit 18 Jahren

Ich mache mir eigentlich keine Gedanken darum, weil es für mich völlig normal ist, egal ob es zum Gesundheitsamt, zum Arzt, in ein Restaurant oder trampen geht.

Ich bin 18 Jahre alt und kann mir im Moment – bzw. eigentlich seit Jahren – nicht mehr vorstellen, irgendwann wieder freiwillig in Schuhen zu leben. Es ist zu erwarten, dass ich irgendwann aus beruflichen Gründen Schuhe werde tragen müssen und das ist auch in Ordnung, aber in meiner Freizeit brauche ich keine. Ich glaube, wer einmal eine Weile barfuß gelebt und erlebt hat, wie viel Leichtigkeit und Wohlbefinden es verschafft, kann nicht dauerhaft wieder Schuhe tragen.

Elisabeth

Ich bin eine theaterliebende, israelvernarrte, literaturbegeisterte, in Chören singende Katzenbesitzerin aus Chemnitz, die seit ihrem 14. Lebensjahr ihren Alltag barfuß bestreitet.

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12 Gedanken zu „Elisabeth – eine ungewöhnliche junge Barfußpersönlichkeit“

  1. Hallo Elisabeth.

    Du wolltest herausfinden wieso Du barfuß läufst und trugst temporär Schuhe und die Knie- und Rückenschmerzen kamen zurück. Könnte es nicht auch eine gewisse Selbstliebe sein wenn man durch das Barfußlaufen keine Schmerzen hat?

    1. Hallo Tobi,

      das ist ein interessanter Gedanke. Sicherlich hat Selbstliebe (bzw. Selbstfürsorge, wie ich es lieber nenne) etwas damit zu tun, auf den Körper zu hören und sich so zu kleiden, wie man sich wohl fühlt. Allerdings finde ich die These insofern riskant, dass man damit indirekt Schuhträgern eine geringe Selbstfürsorge unterstellt und das sehe ich definitiv nicht so.

      Beste Grüße
      Elisabeth

  2. Eine ganz, ganz wundervolle Geschichte! Total authentisch und voller Leichtigkeit! Ich finde deine Einstellung wirklich toll und sehr ist genauso. Man muss nicht gleich alles zu einer Ideologie machen. Dennoch kann man für sich herausfinden, was man gut und richtig findet. Auch ich bin am liebsten barfuß unterwegs und werde das auch immer mehr in meinen Alltag einbauen. Bitte mach weiter so und gehe deinen Weg. Du bist ein gutes Vorbild für andere, Elisabeth! Alles alles gute und liebe Grüße aus Wien! Rainer

    1. Hallo Rainer,

      vielen Dank für deine ermutigenden Worte!
      Ich sehe mich allerdings nicht als Vorbild für andere. Diese Perspektive würde für mich nur zu sehr Druck aufbauen und entspricht nicht meiner Maxime.
      Dennoch freue ich mich natürlich, wenn mein Bericht jemandem etwas geben konnte.

      Ich wünsche dir auch alles Gute und schicke unbekannter Weise Grüße nach Wien. Pass auf deine Sohlen auf!
      Elisabeth

  3. Ja, die Elisabeth ist eine ganz tolle Persönlichkeit 🙂 ich kenne sie aus dem Forum Hobby? Barfuß ! 🙂 und habe ihre Barfußgeschichte immer interessiert verfolgt. Eine tolle individuelle junge Frau 🙂

    1. Hallo Tiptoe,
      ich weiß nicht genau, was du mit inspirierst meinst, zum Barfußlaufen habe ich bisher noch niemanden animieren können, aber das ist mir auch gar nicht wichtig. Das kann ja jeder handhaben, wie er es für richtig hält. 🙂

      Beste Grüße
      Elisabeth

      1. Manche leute wären vielleicht selbst gerne barfuß, zumindest unterbewusst; entweder trauen sie sich nicht oder sie denken erst gar nicht dran, da das über-ich sagt „So etwas tut man nicht!“ Es erscheint ihnen also gar nicht erst als option.

        Da kann jede person, die völlig selbstverständlich und problemlos barfuß lebt, hilfreich dabei sein, diese blockade aus dem weg zu räumen. Wobei selbst dann die wenigsten den aufwand auf sich nehmen, sich zu bücken, umständlich schleifen zu lösen, schuhe und ggf. verschwitzte socken von den bleichen füßen zu ziehen und in den völlig ungewohnten kontakt mit dem boden zu treten – und dann nicht wissen wohin mit den sperrigen schuhen.

        Selbst wenn es für dich, mich und andere leser und schreiber dieser seiten tägliche selbstverständlichkeit ist – „barfuß im alltag“ wird wohl ein minderheitenprogramm bleiben, aber zumindest der gedanke „ich mache jetzt etwas verbotenes bzw. gesellschaftlich geächtetes“ sollte nicht sein. (Nein ich habe auch noch keine fremden leute animieren können, wohl aber die einen oder anderen näherstehenden freunde)

  4. Da hast Du eine gute Lebenseinstellung,
    ja, man muss nicht immer Barfuß sein, wie Du auch schreibst.
    Es ist halt alles eine Sache des Wohlfühlens.
    Toller Bericht 😉

  5. Great story! I’ve been barefoot the last 15 years of my 65 years. I too have a few hours a week I will slip in sandals. I love the texure of our Earth! I feel very disconnected in shoes. Enjoy your life!
    BarefootAllen

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